Island, Schottland, Japan. Berge, Wälder, Quellen. Menschenleere Orte, an denen man sich unwillkürlich nach Naturgeistern umschaut wie James in dem romantischen Ballett La Sylphide – solche Gegenden ziehen den belgischen Tänzer-Choreografen Damien Jalet seit Jahren magisch an. In der Einsiedelei lernt er von Mönchen, lässt sich inspirieren, begibt sich so weit in Einsamkeit und seelengeografische Gefahr, dass er die Grenzen seines Körpers spürt und weiß, die unsichtbare Linie zwischen Leben und Tod verläuft nicht fern. Jetzt wird der Vierzigjährige berühmt, und es wird ihn nicht umhauen. Sein mit Sidi Larbi Cherkaoui choreografiertes Erfolgsstück Babel im Bühnenbild von Antony Gormley tourt seit 2010 um die Welt und wurde in diesem Sommer in Avignon in einer Art Extended Version gefeiert. Das 2002 an der Berliner Schaubühne uraufgeführte Männer-Quartett D’avant mit Cherkaoui und den Tänzern Juan Kruz Diaz de Garacho Esnaola und Luc Dunberry ist erst kürzlich wiederaufgenommen worden.

Jalet liebt Kooperationen, und seine Themen sind nicht – wie so oft im zeitgenössischen Tanz – Selbstbespiegelungen einer idiosynkratisch gewordenen Kunstform für Spezialisten. In ihnen geht es sehr körperlich zu und sehr bildnerisch. Im belgischen Ukkel geboren, studierte Jalet in Brüssel und New York Theater, bevor er sich dem zeitgenössischen Tanz zuwandte. Prägend war für ihn im Jahr 2000 die Begegnung mit dem flämisch-marokkanischen Choreografen Sidi Larbi Cherkaoui, mit dem ihn inzwischen zahlreiche Arbeiten verbinden. Aber auch Künstler wie der Regisseur Arthur Nauzyciel oder der Fotograf Nick Knight gehören zu seinen Partnern.

Neun Tänzer stellte Jalet für Yama vor zwei Jahren in Schottland auf ein hell schimmerndes hölzernes Podest, das der amerikanische Künstler Jim Hodges für ihn gebaut hatte. Barfuß lungerten sie da herum, mit nichts als hautfarbenen Slips bekleidet, Köpfe und Gesichter verborgen unter flachsfarbenem Pferdehaar, das ihnen in langen Zotteln bis zu den Hüften hing. Yama heißt auf Japanisch Berg. Noch heute wandern gläubige Japaner auf den Berg Tohoku, dessen Gipfel aus den Wolken ragt, um ihre Lebensenergien zu erneuern. Ihre Seelen legen sie in Schachteln, und wenn sie diese nach Tagen wieder öffnen, haben sie sich regeneriert, und die mit neuer Kraft erfüllten Männer laufen schreiend vor Freude den Berg hinunter.

Jalet unterstreicht in seinen Arbeiten die Wirkungsmacht von Ritualen und Mythologien und übersetzt ihre Themen in radikale Bilder. Bespielten in Les médusés Dutzende Tänzer die Säle des winterdunklen, nächtlichen Pariser Louvre in einer vielteiligen Auseinandersetzung mit den Mythen der Medusa, so war der Schrecken in Yama nicht weniger gegenwärtig. Jalets Tänzer bildeten ineinander verknäuelte, sich kaum vom Boden lösende Systeme – unbewusst agierende, vielleicht nur nach Licht und Luft strebende Organismen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 40 vom 22.9.2016.

Wie die Kunstwerke von Jim Hodges erzeugt auch der Tanz von Damien Jalet einen ungewöhnlichen Ernst, eine Materialität, Intensität und Schönheit, die sofort auf ihre Themen hinlenken: Was ist der Schöpfungsakt, wie ist Leben entstanden, und wie kann eine Kunst der Gegenwart über die Postmoderne hinausgehen, ohne naiv zu wirken? Dabei hält er an der Figürlichkeit fest und daran, die Konditionalität allen Tuns nicht nur zu akzeptieren, sondern anzuerkennen und zu dokumentieren. Tänzer bleiben darum bei Jalet sie selbst und verwandeln sich zugleich in Wesen eines seltsam fremden Reiches, sie werden zu ästhetischen Figuren, deren Spiel auf existenzielle Situationen des menschlichen Lebens verweist.

Wie unheimlich, dass ein Künstler, der solche Themen bearbeitet, am Abend des 13. November 2015 in Paris Zeuge wird, wie der erste Attentäter des IS, das Maschinengewehr im Anschlag, in der Rue de Charonne aus dem Auto steigt. Ein, zwei Körperlängen von Jalet entfernt stand er da und nahm die abendliche Pariser Straßenszene in Augenschein, bevor er das Feuer eröffnete. Diese Momente, bevor das Grauen Gestalt annahm, waren für den Choreografen von einer seltsamen Unwirklichkeit, wie er erzählt. "Das ist ein Filmset", dachte Jalet. Dann packte ihn der Schock. Er wollte sich zu Boden werfen und konnte nicht. Sein Körper gehorchte ihm nicht. Nach einer gefühlten Ewigkeit löste sich aus der Leere des Bewusstseins ein Befehl: Renne. Lauf! Dreh dich um und renne um dein Leben! Jalet war in Sicherheit. Sein virtuoser Tänzerkörper, sein Bewegungsimpuls, sein kreatürlicher Fluchtinstinkt hatten ihm das Leben gerettet.

Im Juni ist es ihm gelungen, aus dieser kollektiven Todesbedrohung am Staatstheater Darmstadt eine grandiose Inszenierung zu machen, zutiefst berührend, ohne je pathetisch zu werden – selbst dann nicht, wenn einer der Tänzer plötzlich mit einem roten Motorradhelm auf dem Kopf wie tot in einem Berg anderer unbeweglicher Leiber liegt. Denn Thr(o)ugh ist viel mehr geworden als ein in Kunst verwandeltes Trauerritual. Es fragt nach der Durchlässigkeit von Leben und Tod und den Brücken, die von einer Welt in die andere führen.

Auf eine Weise klang das schon in Boléro an, einer Produktion, die Jalet 2013 mit Sidi Larbi Cherkaoui, Marina Abramović und dem Givenchy-Designer Riccardo Tisci für das Ballett der Pariser Oper geschaffen hatte. Ravels Musik begleitete einen Tanz der Knochenmänner und -frauen. Die Tänzer in ihren Skelett-Kostümen wirkten wie Untote, Wiedergänger oder Geister in einem gespiegelten, verschatteten Zwischenreich – ein Sujet, das die Ballettgeschichte seit der Romantik durchzieht.