Petra Bahr leitet die Abteilung Politik und Beratung der Konrad-Adenauer-Stiftung. In ihrer Kolumne geht sie der großen Politik im Alltag auf den Grund. © Kulturrat der EKD

Am Sonntag lag das Wahlvolk in Berlin auf der Couch. Nicht, weil die Berliner besonders faul wären – die Wahlbeteiligung ist ja sogar um fünf Prozent gestiegen. Die kollektive Seele wurde in den Medien therapeutisch bearbeitet. Irgendwo muss doch der Entzündungsherd sein, der so viele Deutsche Wahlzettel mit Denkzetteln verwechseln lässt. Angela Merkel ist neuerdings nicht mehr am allem schuld. Die Flüchtlinge auch nicht. Jetzt ist es unser unglückliches Bewusstsein. Die Fremden haben uns offenbar nur daran erinnert, dass wir uns selbst fremd geworden sind. Die Deutschen fühlen sich nicht mehr wohl in ihrer deutschen Haut. Sie sind in einem falschen Körper aufgewacht.

Was jahrelang gut war, ist in Wahrheit gar nicht gut gewesen. So kann man es nun lesen. Die rosige Haut des wirtschaftlichen Erfolgs, die guten Arbeitsmarktzahlen, der Wohlstand, die Sicherheit: trügerisches Rouge über einem moribunden Volkskörper. Die Deutschen sind unglücklich, unzufrieden und finden ihr Leben nicht mehr sinnvoll. Sie fühlen sich unbehaust und im Stich gelassen. So die Auskunft der Volksseelenexperten.

Nun lässt sich über das Versagen der Berliner Politik viel sagen. Doch dass jetzt auch noch Glück und Lebenssinn von der Politik zu fordern wären, macht ziemlich unruhig. Wenn das Politische mit Glücks- und Heilserwartungen ausgestattet wird, muss man es nämlich mit der Angst zu tun kriegen. Politik kann für Rahmenbedingungen des guten Lebens sorgen, sie kann, wenn es gut läuft, manche Probleme lösen, soziale Ordnung und Sicherheit schaffen und ein Umfeld gestalten, in dem neue Ideen und gute Traditionen gleichzeitig Platz haben. Individuelles Glück verheißen sie nicht. Das wäre anmaßend.

Dieser Artikel stammt aus Christ & Welt, den Extraseiten der ZEIT für Glaube, Geist und Gesellschaft.

Wenn Menschen ihren Job nicht mögen oder ihre Ehefrau, wenn sie den Eindruck haben, dass Shoppen nicht alles ist, wenn sie sich nach Orientierung, nach Haltung und nach dem Gebrauchtwerden sehnen – dann kommt eine Sehnsucht nach einem anderen Leben zum Ausdruck, die der Politik nicht aufgebürdet werden kann. Für Glück und Wohlbefinden, für ein sinnvolles Leben, für Lust an Verantwortung, für Vertrauen in die Zukunft, für die Erfahrung von Liebe, Freundschaft, Rücksichtnahme und Respekt sind nicht "die da oben" verantwortlich. Das sind wir selbst. Alle. Miteinander.