Dunja Hayali: Meine Mutter ist chaldäisch-katholisch, mein Vater ein syrisch-orthodoxer Christ, ich selbst bin katholisch. Muss ich konvertieren?

Heinrich Bedford-Strohm: Na ja, wir werben niemanden ab, aber als Kirche wollen wir schon einladend sein. Kirche soll Kirche der Freiheit sein. Ich stelle mir eine Kirche vor, in der die Menschen Kraft für ihr Leben finden und die Selbstliebe und Nächstenliebe nicht gegeneinander ausspielen, sondern die Erfahrung machen, dass jeder sein darf, wie er ist. Kirche sollte vermitteln, dass wir nicht immer nur leisten müssen, sondern auch einfach sein dürfen. Das ist aus meiner Sicht reformatorische Botschaft pur.

Hayali: Ja, und auch nicht immer verurteilt zu werden oder Buße tun zu sollen.

Bedford-Strohm: Moralismus ist der größte Feind der Ethik.

Hayali: Ich kann Ihnen auch erzählen, warum ich mit Kirche nicht mehr besonders viel am Hut habe. Zunächst mal eine nicht ganz so ernst gemeinte Geschichte: Ich war Messdienerin. Als ich zu Weihnachten mal ein BMX-Rad bekommen hatte, bin ich damit zur Kirche gefahren, weil ich an der Messe teilnehmen sollte. Und nach der Messe war mein BMX-Rad weg. Da habe ich gedacht: "Das kann nicht mit rechten Dingen zugegangen sein!"

Dieser Artikel stammt aus Christ & Welt, den Extraseiten der ZEIT für Glaube, Geist und Gesellschaft.

Bedford-Strohm: Was war denn Ihre Vermutung? Dass der Priester Ihnen das da weggeholt hat?

Hayali: Nein! Aber als Kind war ich entsetzt. Denn ich hatte ja Gutes tun wollen, und dann kam ich aus der Kirche raus und fühlte mich bestraft. Der wirkliche Grund für meine Distanzierung war allerdings eine Erfahrung, an der man auch sehen kann, dass jeder Satz zählt, vor allen Dingen, wenn jemand in einer emotionalen Schieflage ist: Mein bester Freund hat sich vor 21 Jahren umgebracht. Bei der Messe, die dann für ihn gehalten wurde, sagte der Priester: "Gott möchte auch junge Menschen bei sich haben." Dieser Satz hat mein religiöses Dasein völlig aus der Bahn geworfen. Ich weiß im Nachhinein gar nicht, ob ihm klar war, was er da gesagt hat. Ich habe hinterher lange mit Freunden darüber gesprochen – er hat bei vielen vieles zerstört. Das ist bis heute haften geblieben. So einen Satz, ob er nun wahr ist oder nicht, wollen Menschen natürlich nicht hören, wenn sie trauern.

Bedford-Strohm: Das stimmt. Dietrich Bonhoeffer hat diese Gottesvorstellung den "Deus ex machina" genannt. Einen Gott, der sozusagen von oben eingreift und sagt: "Den hol ich jetzt mal zu mir." Was Sie da schildern, steht in tiefem Widerspruch zu meinem Bild von Gott. Leider höre ich immer wieder von solchen Erfahrungen, die vielleicht auch mich dazu gebracht hätten, zu sagen: "Also, wenn das die Lehre ist, dann kann ich damit nichts anfangen." Ich würde mir wünschen, dass solche Erfahrungen Protest hervorrufen gegen bestimmte Gottesbilder. Und eine Erinnerung an die Quellen des Glaubens, die von einem lebensfreundlichen Gott erzählen. Einem Gott, der dem Leben Kraft gibt, statt die Kraft abzuschneiden.

Aber noch mal zurück. Sie erzählten, Sie haben sich radikal von der Kirche abgewandt. Ist für Sie etwas anderes an ihre Stelle getreten? Gibt es etwas Leitendes oder Höheres in Ihrem Leben?

Hayali: So richtig ist nichts an diese Stelle gerückt. Ich habe mich zwar über viele verschiedene Religionen informiert und mich vor allem mit dem Buddhismus auseinandergesetzt, weil ich viel in Asien unterwegs war. Für mich selbst bin ich aber nicht richtig fündig geworden. Stattdessen mache ich es ein bisschen so wie beim Zeitunglesen: Ich suche mir immer das raus, was ich gerade brauche. Ich versuche, mir aus den Religionen oder dem Buddhismus, den ich eher als Philosophie deuten würde, das herauszunehmen, was für mein Leben bestärkend ist, was mich aber auch selbst hinterfragt. Was mich leitet und zu Menschlichkeit oder Humanismus bewegt, ist vor allem meine Sozialisation, die Erziehung durch meine Eltern. Ich bin sehr dankbar für das, was ich in diesem Land machen konnte, durch den Fleiß meiner Eltern. Oft werde ich gefragt: "Worauf sind Sie stolz? Sind Sie stolz, eine Deutsche zu sein?" Dann sage ich immer, meine Nationalität habe ich ja nur durch Zufall erhalten, dadurch, dass ich in Deutschland geboren wurde. Dafür bin ich dankbar. Aber stolz bin ich auf meine Eltern, die mir Werte mitgegeben haben, die mich noch heute treiben.