Sehr geehrter Herr Bischof,

Limburg hat einen neuen Hirten: Sie. Das wurde auch Zeit. Mehr als zwei Jahre ist es her, dass Franz-Peter Tebartz-van Elst zurücktreten musste. Seitdem steht sein Bischofshaus leer. Es wurde zum Mahnmal. Zur Attraktion für Touristen auf der Suche nach dem Kick der Verschwendung. 31 Millionen Euro hat das Bischofshaus gekostet. Und nun wollen Sie nicht darin wohnen. Das "Ding", wie Sie es nennen, sei zu groß für Sie allein. Es passe nicht zu Ihnen. Denn als Bischof von Limburg müssen Sie authentisch bleiben. Nur so können die Wunden der Vergangenheit heilen. Nur so werden die Medien Sie nicht schlachten für etwas, was Ihr Vorgänger zu verantworten hat. Doch da, Herr Bischof, irren Sie sich.

Zugegeben: Es ehrt Sie, bescheiden leben zu wollen. Bescheidenheit ist eine Tugend. Sie bedeutet, sich selbst nicht wichtig zu nehmen, sich zu begnügen mit dem, was Gott und das Leben zu bieten haben. Konkret hat das Leben Ihnen eine 283-Quadratmeter-Privatwohnung mit iPad-Steuerung, versenkbarem Fernseher, Koi-Teich, Fitnessraum, Sauna und einem Badezimmer mit Luxus-Badewanne und Regenwalddusche zu bieten.

Es scheint, als hätte das Schicksal es gut gemeint. Das hat es nicht. So viel Annehmlichkeit wird zur Bürde. Sie zwingt dazu, sich wohlzufühlen. Doch auf den 283 Quadratmetern kann man sich eigentlich nicht wohlfühlen. Da schaut man aus jedem Fenster gegen eine Wand. Da scheinen in den Winkeln und der klaustrophobischen Enge noch die Geister zu leben, die ein anderer rief. Da ist die Architektur Programm und steht für einen Glauben, der sich abkehrt von der Welt und es sich im Exil noch möglichst schön macht. Selbst die Touristen verstummen da meist ob der Lebensferne dieses "Dings", das kein Maß zu kennen scheint. So als sei das "Ding" der prächtig ausgestattete Tatort einer Verfehlung, die darauf wartet, erneut begangen zu werden – von Ihnen. Sie wollen das nicht. Der Rückzug aus der Welt ist für Sie als Bewahrer des Glaubens keine Alternative. Auch das ehrt Sie. Doch muss man deshalb dem "Ding" den Rücken kehren? Natürlich denkt ein gottesfürchtiger Mensch: Alles hat Sinn, alles läuft nach Plan. Und nach diesem Plan schickte Gott den neuen Bischof nach Limburg, um die Menschen zusammenzubringen. Aber vielleicht gehört ja auch dieses "Ding" zu Gottes Plan?

Ja, es war teuer. Aber jetzt ist es in der Welt, auch wenn viele Limburger es für ein katholisches Tschernobyl halten und am liebsten unter einer Grabplatte aus Zement begraben würden. Allerdings dient auch dieses "Ding" einem Zweck. Und dieser Zweck ist jenseits aller vermeintlichen Symbolik so stimmig, dass jede andere Nutzungsidee sich bislang als undurchführbar erwies: Ein Bischof soll drin wohnen. So einfach ist es – und so schwer. Ob er sich wohlfühlt, der Bischof, ist dabei weniger wichtig als die Haltung, mit der er das "Ding" bewohnt. Sie wollen auf die Limburger zugehen? Dann tun Sie es. Das "Ding" ist kein Hindernis. Es wird nur zum Gefängnis, wenn man es wie Ihr Vorgänger kaum mehr verlässt.

Dieser Artikel stammt aus Christ & Welt, den Extraseiten der ZEIT für Glaube, Geist und Gesellschaft.

Geht das? Gibt es ein richtiges Leben im falschen Haus? Ja. Denn es ist nur ein Haus: vier Wände, ein Dach, ein Kapellchen daneben. Alles, was die Tebartz-Hasser und -Verteidiger noch immer darin vermuten, ist Ausdruck einer "korrupten Objektbeziehung", wie der Philosoph Hartmut Böhme schreibt. Das "Ding" wurde zum Fetisch für alle, die mehr sehen wollen als ein Haus. Bis heute sind viele "durch Verehrungs-, Furcht- oder Wunschmotive" wie mit Ketten an es gebunden. Und mit so einem Fetisch-Ding wird man nicht fertig, indem man es als Kuriosität ausstellt am Tag der offenen Tür. Wer mit den Dämonen der Vergangenheit abrechnen will, muss mit ihnen leben. Oder in ihnen. Der muss das Haus als das erkennen, was es ist.

Kein Journalist, der bei Verstand ist, kann den neuen Bischof von Limburg wegen vergangener Verschwendung für einen Verschwender halten. Die 283 Quadratmeter sind insoweit Herausforderung, der man sich anpassen oder die man sich passend machen muss. Das wollen Sie nicht. Sie wollen sich nicht verändern und empfinden die schiere Größe für sich allein als unpassend? Dann laden Sie eben Leute ein. Füllen Sie die Leere des Raums jeden Tag mit Menschen. Das mag ungewohnt sein und neu. Doch Augustinus sagt: "Wer anhält, geht rückwärts." Mit dieser Haltung scheint mir der Kirchenlehrer der Wahrheit näher zu sein als ein "Ich will bleiben, wie ich bin – ich darf."

In Limburg werden Sie auf Menschen, Schicksale, Geschichten und (auch das) auf Dinge treffen, die einen verändern können. Diese Veränderung zuzulassen, aus ihr zu lernen und an ihr zu wachsen, bedeutet zu reifen im Amt. Dafür müssen Sie nicht betonen, wie authentisch Sie sind. So reden Politiker im Wahlkampfmodus. Die behaupten gerne eine Charakterfestigkeit, die sich an ihren Handlungen erst noch beweisen muss. Bischöfe führen keinen Wahlkampf. Bischöfe müssen sich ihr Amt nicht erstreiten. Gott schenkte es ihnen. Der neue Bischof von Limburg kann die Limburger lediglich davon überzeugen, dass Gott sich nicht getäuscht hat in ihm.

Deshalb sollte ein Bischof nicht behaupten, demütig zu sein. Er sollte es sein. Nicht jeder kann wie Papst Franziskus in einem Wohnheim leben und eine Rostlaube fahren. Sein Weg mag es sein, Friede in den Hütten und Krieg in den Palästen zu finden. Der Weg des neuen Limburger Bischofs ist der umgekehrte. Denn die Limburger müssen es lernen: Der Palast gehört in ihre Mitte. Sie müssen leben lernen mit ihm. Ihre Aufgabe ist es, ihnen zu zeigen, wie man das macht.

Untrennbar ist der Palast heute mit der Stadt, ihrer Geschichte, sogar dem Namen verbunden. Helfen Sie den Limburgern, die Bürde zu tragen. Zeigen Sie ihnen, dass man um und in dem "Ding" glücklich sein kann. Und weltoffen. Und demütig. Bauen Sie hier und da ein Fenster ein. Schauen Sie öfter mal raus. Dann können Sie sich auch mal ein schönes Bad gönnen. Daran nimmt Ihre Seele nicht gleich Schaden. Deshalb haben die Limburger ihren Bischof nicht weniger gern.

"Da bin ich. Jetzt habt ihr mich", haben Sie Ihre erste Rede als Limburger Bischof begonnen. Das war ein Anfang. Jetzt geht es weiter. Auf dem Domberg ist ein Häuschen frei. Es gehört Ihnen. Packen Sie Kartons. Zeigen Sie allen, die es nicht glauben, dass es das gute Leben gibt – nicht nur dort, überall.

Limburg wird es Ihnen danken.