DIE ZEIT: Frau Walter, wann hat es Sie das letzte Mal gewurmt, als Ihnen ein Konkurrent einen Job vor der Nase weggeschnappt hat?

Stefanie Walter: Das war an der Uni Konstanz, im Jahr 2012, als es um eine Professur ging. Ich war zwar auf der Liste, aber nicht ganz vorne.

ZEIT: Der Wettbewerb hat also auch Sie schon mal enttäuscht.

Walter: Natürlich. Wettbewerb kann enttäuschen, gerade, wenn man das Gefühl hat, dass er unfair ist, oder wenn der andere einen Vorteil hat, ohne dafür etwas geleistet zu haben – was in diesem Fall übrigens nicht so war.

ZEIT: Sie haben in 16 europäischen Ländern untersucht, wer vom globalen Wettbewerb profitiert und wer verliert. Was kam dabei heraus?

Dieser Artikel stammt aus der Schweiz-Ausgabe der ZEIT Nr. 40 vom 22.9.2016 und ist ebenfalls in der Österreich-Ausgabe erschienen. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Walter: Hochqualifizierte, die im internationalen Wettbewerb stehen, profitieren von der Globalisierung.

ZEIT: Also auch Sie als Professorin. Sind Sie und Ihre Kollegen sich bewusst, wie privilegiert Sie sind?

Walter: Ich denke schon. Wir schreiben unsere Stellen weltweit aus, versuchen die besten Köpfe hier an die Uni Zürich zu holen – und können uns auch weltweit auf Jobs bewerben.

ZEIT: Wer sind die Verlierer?

Walter: Jene Menschen, die über niedrige Qualifikationen verfügen und gleichzeitig dem internationalen Wettbewerb ausgesetzt sind. Wobei man unterscheiden muss: Sprechen wir nur von der Globalisierung der Güter, dann verlieren vor allem jene Arbeitnehmer, die Produkte herstellen, die im Ausland billiger produziert werden oder deren Stellen sich leicht ins Ausland verlagern lassen. Diese Jobs sind stark gefährdet. Aber ein Tramführer wird nicht nach China exportiert, auch keine Putzkraft.

ZEIT: Was ist die andere Form der Globalisierung?

Walter: Migration. Davon sind viel mehr Menschen betroffen. Aber auch hier gilt: Verlieren tun vor allem die Niedrigqualifizierten. Weil Migranten oft willens sind, Jobs zu machen, die Einheimische nicht gerne machen – und das zu niedrigeren Löhnen.

ZEIT: Nun fällt auf: Die Stimmung gegen die Globalisierung kippte in Europa erst, als nicht mehr nur die Unterschichten, sondern auch die Mittelschicht unter Druck geriet. Also jene Leute, die sich Gehör verschaffen können.

Walter: Das stimmt nur bedingt. In Europa sind die stärksten Kritiker der Globalisierung gar nicht die Verlierer. Bei TTIP und Ceta geht es eher um Umwelt- und Sozialstandards. Viele der Kritiker sind hochqualifiziert, arbeiten aber in geschützten Sektoren, sind zum Beispiel Lehrer. Die haben nicht so viel zu verlieren, wenn wir keinen zusätzlichen Handel haben. Wir haben in Europa einen Wohlfahrtsstaat, der die Verluste etwas abfedert, daher geht es hier weniger um Jobsicherheit als in den USA.

ZEIT: Die Gegner der Globalisierung kommen also aus der gesellschaftlichen Mitte.

Walter: Ja. Interessant ist: Es geht dabei gar nicht um ökonomische Argumente. Die Befürworter sagen, diese Abkommen schaffen Wohlstand, schaffen Jobs. Aber das verhallt. Weil die Leute sagen: Wir wollen keine Chlorhühnchen! Wir wollen keine privaten Schiedsgerichte!

ZEIT: Dasselbe erlebten wir in der Schweiz mit der Masseneinwanderungsinitiative der SVP. Was passiert mit der Politik, wenn die ökonomischen Argumente nicht mehr ziehen?

Walter: Es gibt Studien, die zeigen: Die Wirtschaft wird umso wichtiger für Wahlen, je schlechter sie läuft. Wenn es gut läuft, dann treten diese Bedenken in den Hintergrund. Bei der Masseneinwanderungsinitiative 2014 in der Schweiz, beim Brexit, beim Widerstand gegen TTIP und Ceta in Deutschland und Österreich – überall läuft es wirtschaftlich ganz gut. Es wäre interessant zu sehen, was passiert, wenn diese Länder in eine Rezession schlittern. Dann würde die wirtschaftliche Dimension wieder viel wichtiger. TTIP ist ja nicht in der ganzen EU umstritten. In Spanien, Griechenland, Portugal, die dringend Wachstum brauchen, will eine Mehrheit diese neuen Abkommen.

ZEIT: Wird ein Volk übermütig, wenn es ihm zu gut geht?