Es knirscht der Kies, es schlägt die Fürstin das Lenkrad ein, dann kommt das offene Wägelchen, das sonst wahrscheinlich eher Golfrasen gewohnt ist, vor dem Schlossportal zum Stehen. Es entsteigt dem prekären Gefährt der Ehrengast des Abends, der Präfekt der römischen Glaubenskongregation, dereinst Großinquisitor vom Heiligen Offizium, Gerhard Ludwig Kardinal Müller. Die Gastgeberin – schwarzes Kleid, glanzvoller Schmuck – genießt den Effekt und erfreut die Fotografen mit einem tiefen Knicks und einem innigen Kuss für den Ring seiner Eminenz: "Ist das nicht standesgemäß?!"

Das Golfcart als Kutsche und der Hofknicks als ironische Geste – willkommen in der widersprüchlichen Welt der Gloria von Thurn und Taxis. Schon als Punk-Prinzessin der Achtzigerjahre sorgte sie mit Talkshow-Auftritten für Schlagzeilen, so wie sie nun einem Oberklasse-Katholizismus die Stange hält, der vielen Zeitgenossen heute so exotisch vorkommen muss wie den biederen Bundesrepublikanern der aristokratische Fernseh-Punk.

Vom Vorfahren zum Vorführen ist es nur ein kleiner Schritt – zusammengehalten wird der Show-Act im Schlosshof durch echte Ehrerbietung. Hier wird kein Kardinal hochgenommen, hier wird einer Kirche Auftritt und Publikum verschafft, die anderswo auf dem Rückzug ist: eine Ecclesia triumphans, eine Kirche des Glanzes (und der Gloria), untereinander verbunden durch Jahrhunderte der Verschwägerung und eine geteilte Gewissheit, gegen den Strom der Gegenwart zu stehen, den man hier gerne Mainstream nennt.

"Wir sind Nachbarn", erklärt mit geübter Dezenz ein älterer Herr, den eben noch ein anderer Gast mit "Herr Baron" und knappem Kopfnicken begrüßt hat. Man trägt Bundesverdienstkreuz oder doch wenigstens die Knopfnadel des Lions Club.

Zur einen Hälfte ist man unter sich, zur anderen zeigt man der Welt ein wenig, wie es zugeht hinter hohen – und katholischen – Mauern. Vor höchsten kirchlichen Würdenträgern etwa beugt selbst ein einstmals regierendes Haus das Knie: Hochadel trifft Hochkirche, das ist auch ein Gesellschaftsspiel, und keine weiß es kunstvoller in Szene zu setzen als die allerkatholischste Fürstin in der beschaulichen Residenzstadt Regensburg. Im Kielwasser der Schlossherrin nun umgibt den Kardinal – früher selbst Bischof in Regensburg – eine Gelöstheit, für die der Deutsche im Amte des Großinquisitors sonst nicht bekannt ist. In Rom wird gerade mal wieder über seine Ablösung und Rückverschiffung nach Deutschland spekuliert.

Dieser Artikel stammt aus Christ & Welt, den Extraseiten der ZEIT für Glaube, Geist und Gesellschaft.

Es sind schließlich auch Belagerte, die sich hinter den Stadtmauern von Regensburg treffen. Die Weltkirche schlägt gerade eine andere Richtung ein als die über die Kieswege von Schloss Emmeram. Ein Papst vom anderen Ende der Welt, ein neuer Akzent auf Einfachheit, die Option für die Armen – von alldem ist wenig zu spüren an diesem Abend.

Serviert wird heute im Schloss unter anderem "À la minute geräuchertes Saiblingsfilet mit Meerrettich und in Meersalz gegarte Rote Bete", vorab aber "Die Botschaft der Hoffnung", Kardinal Müllers neues Buch. Angesichts der kulinarischen Attraktionen von Amuse-Gueule bis Zwetschgentarte mit Sabayon und Vanilleeis zeigt das Publikum für theologische Feinheiten allerdings nur begrenzt Appetit.

Müller hätte von der Option für die Armen womöglich glaubhaft und eindrücklich zu erzählen. Wer Müller schätzt, verweist darauf, dass er wie kaum ein anderer Deutscher in den Armenvierteln Lateinamerikas engagiert ist. Ob seiner langen Freundschaft mit dem Befreiungstheologen Gutiérrez wurde Müller in rechten römischen Kreisen sogar schon als Linker einsortiert: auch er ein Widersprüchlicher.

Doch das Buch, die Hoffnung und der Autor haben selbst im weiteren Verlauf des Abends gewisse Mühen, sich zu behaupten in all dem Trubel, der um sie gemacht wird. Kronleuchter und Spiegelpracht rufen nach glamouröseren Effekten, als Müller sie zu liefern vermag. Provokation & Dekoration machen den Reiz des Arrangements aus: wenn Gloria lädt, dann nicht zum Lektüreabend.

Neben den Garderobenständern stehen Hellebarden, als seien sie gerade hier abgegeben worden wie Regenschirme und Spazierstöcke. Die Wandteppiche, Bodenvasen und edlen Kachelöfen in den Empfangsräumen kommen ohne Schildchen mit Erläuterungen aus, man ist hier schließlich nicht im Museum, dieses Schloss ist noch in Betrieb.