DIE ZEIT: Der Artenreichtum der Erde schwindet. Nicht nur Tiere, auch Pflanzen sind im Wortsinn existenzgefährdet. Wodurch hauptsächlich?

Hanno Schäfer: Etwa ein Viertel unserer Pflanzenarten ist vom Aussterben bedroht. Der wichtigste Faktor ist der Lebensraumverlust – durch das Wachstum der Städte, aber in viel größerem Ausmaß durch die Landwirtschaft. Doch die brauchen wir natürlich, um selbst zu überleben.

ZEIT: Wie viel mehr Ackerfläche kann die Erde noch verkraften?

Schäfer: Es ist schon jetzt zu viel. Schätzungsweise ein Drittel der Erdoberfläche wird landwirtschaftlich genutzt. Das reicht gerade, um die Menschheit zu ernähren. Die Vereinten Nationen sagen bis 2050 ein Bevölkerungswachstum auf 9,5 Milliarden Menschen vorher. Wenn wir mit dem bisherigen Ertrag pro Fläche weitermachen, müssten wir noch mal ein knappes Drittel der Landfläche bewirtschaften. Biodiversitätsforscher wie ich sehen das mit höchster Sorge, weil jeder Hektar, der noch umgebrochen wird, weitere Arten gefährdet.

ZEIT: Sie setzen zur Ertragssteigerung auch auf die grüne Gentechnik. Dabei steht die doch selbst im Verdacht, den Artenreichtum zu bedrohen. Jedenfalls sagen ihre Gegner, die Vielfalt leide unter dem Anbau gentechnisch veränderter Organismen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 40 vom 22.9.2016.

Schäfer: Ich sehe das umgekehrt: Die gentechnische Veränderung von Nutzpflanzen kann die Biodiversität positiv beeinflussen – wenn sie zur Steigerung der Erträge führt. Wenn man mehr auf der gleichen Fläche produziert, muss man weniger Land unter den Pflug nehmen und kann naturnahe Lebensräume erhalten. Die landwirtschaftliche Nutzung einer Fläche, sei es konventionell, biologisch oder mit genetisch modifizierten Pflanzen, bedeutet immer einen Verlust der Vielfalt. Auf einem Hektar Regenwald wachsen bis zu 400 Baumarten, auf einem Hektar Soja keine einzige.

ZEIT: Das heißt, Sie als Professor für natürliche Vielfalt werben für eine Ausweitung der grünen Gentechnik?

Schäfer: Ja, weil wir die Verantwortung tragen, die kommenden Generationen zu ernähren. Und zwar in einer Form, die auch weiterhin das Funktionieren unserer Ökosysteme erlaubt.

ZEIT: Bisher ist die Gentechnik den Beweis schuldig geblieben, dass sie zur Welternährung substanziell beitragen könnte. Was muss sich ändern?

Schäfer: Bisher ist die grüne Gentechnik auf wenige Nutzpflanzen und wenige Eigenschaften fokussiert: hauptsächlich auf Soja, Mais, Baumwolle und Raps. Sie wurden resistent gegen Pestizide gemacht oder produzieren gegen Fressfeinde ein Insektengift, das Bt-Toxin. Was wir viel dringender brauchen, sind Nutzpflanzen, die den Klimawandel überstehen. Die trockenheitstolerant sind oder salztolerant oder die mehrjährig sind und deshalb die Flächen vor Bodenerosion schützen. Wenn wir gentechnisch veränderte Pflanzen produzieren könnten, die Nährstoffe effizienter nutzen und weniger Düngung benötigen, wäre auch das ein großer Fortschritt.

ZEIT: Warum gibt es diese Pflanzen nicht?

Schäfer: Vermutlich ist das momentan nicht profitabel genug. Man kann einer privaten Firma nicht vorwerfen, dass sie sich nicht auf etwas einlässt, was keinen Gewinn erwarten lässt. Ich sehe die universitäre Forschung in der Bringschuld, die ist großteils durch Steuergelder finanziert. Nur sie könnte so arbeiten, dass das Saatgut nachher frei verfügbar ist und über mehrere Generationen hinweg verwendet werden kann.

ZEIT: Aber geht es in der Auseinandersetzung um die Gentechnik nicht vor allem um das Prinzip des Eingriffs ins Erbgut – und weniger um Sinn und Zweck der konkreten Anwendung?

Schäfer: Viele Gentechnikgegner sind der Meinung, dass unsere Landwirtschaft ein grundsätzlich falsches System ist, bei dem Böden weit über ihre Kapazitäten strapaziert werden. Sie würden vermutlich auch Pflanzen mit Trockenheits- und Salztoleranzen als faule Kompromisse betrachten.

ZEIT: Gibt es denn keine Alternativen zur Steigerung der Erträge?

Schäfer: Es gibt Alternativen. Würden wir zum Beispiel auf tierische Nahrungsmittel verzichten, könnte man mit der bestehenden Nutzfläche auch ohne Gentechnik die zusätzlichen Milliarden Menschen ernähren. Aber ich sehe da keinerlei Akzeptanz in unserer Gesellschaft. Deshalb ist im bestehenden System die gentechnische Modifizierung von Nutzpflanzen zur schnellen Ertragssteigerung auf begrenzter Fläche die am ehesten akzeptable Alternative.

ZEIT: Sind Sie mit Ihrer Position allein? Wie unpopulär ist die Gentechnik unter Ökologen?

Schäfer: Ich denke, dass die meisten Ökologen keine Probleme mit der Gentechnik per se haben. Denn die ist, wie der Name sagt, eine Technik, eine Methode. Die Frage ist, was man damit anstellt. Wenn man damit Resistenzen in Nutzpflanzen einbaut und später große Flächen mit Pestiziden besprüht, auf denen dann kein Ackerwildkraut und kein Insekt mehr leben kann, ist das aus ökologischer Sicht beklagenswert. Aber wenn sich mithilfe derselben Technik Ackerbau auf geringerer Fläche betreiben lässt und dadurch naturnahe Lebensräume mit hohem Artenreichtum erhalten werden können, dann wird ein Ökologe das begrüßen.