Fettglänzendes Burgerpapier, Pappschachteln und ein paar angebissene Fleischbrocken von Kentucky Fried Chicken liegen neben dem Mülleimer. Männer reden aufeinander ein, Halbliterflaschen Oettinger und Holsten Edel in der Hand, den ganz billigen Stoff. Einer schläft auf der Isomatte, ein anderer kniet auf dem Boden und übergibt sich in eine gelbe Plastiktüte. Ein paar Schritte entfernt, zwischen abgestellten Fahrrädern, hockt Svetlana, 44, auf einer schwarzen Sporttasche. "Was soll ich machen?", ruft sie über den Platz. Ein normaler Septemberabend am Hamburger Hauptbahnhof.

Svetlana greift nach einer Flasche Weißwein. Ein Schluck, dann deutet sie auf ihren Oberkörper. "Mein Mann hat mich geschlagen, hier, hier, hier", erzählt sie. Deswegen ist sie weggelaufen aus Russland, aus ihrem kleinen Dorf am Ural, bis sie nach Deutschland kam und in der Nähe von Hannover eine Wohnung fand. Als sie die Miete nicht mehr bezahlte, warf der Vermieter sie raus. Dann stieg sie in einen Zug nach Hamburg, vor zwei Monaten war das. Sie kam hier an und kommt nun nicht mehr weg. So erzählt sie es.

Nirgendwo in Hamburg wird Armut offenkundiger als am Hauptbahnhof. Dabei ist er das Herz einer Metropole, die sich gern als "lebenswerteste Stadt Deutschlands" feiert und die zu den wohlhabendsten im ganzen Land gehört. Am Hauptbahnhof ist das Leben, hier werden die Fliehkräfte erkennbar, die eine Gesellschaft auseinandertreiben. Und je dunkler die Nacht wird, desto besser sieht man sie.

Ob sie Kinder habe? "Mein Sohn will nichts von mir wissen", sagt Svetlana. Verwandte? Nein. Freunde? Auch nicht. Nur Vitali. Vitali kommt aus Litauen, mit ihm verbringt sie die Abende auf dem Bahnhofsvorplatz. Nachts schlafen sie vor dem Eingang eines nahe gelegenen Modehauses.

Zwischen neun und zehn Uhr abends sind am Bahnhof bloß noch zwei Sorten Menschen unterwegs: Die einen gehen zügig in Richtung der Gleise oder verlassen das Gelände, fast so, als seien sie auf der Flucht. Die anderen stehen herum, sitzen oder schlafen. Ungleichheit zeigt sich auch in der Bewegung. Zu den Betrunkenen gesellen sich die Kranken: Ein Mann mit leuchtend rotem Gesicht bekommt einen Hustenanfall, ein zweiter betrachtet die Geschwüre an seinen Füßen. Svetlana klagt: Vor ein paar Tagen sei sie gestürzt und habe sich das linke Bein verletzt. Dann kramt sie den Arztbrief eines Krankenhauses hervor. Etwas von einer schweren Prellung steht dort und: "Patientin war stark alkoholisiert." – "Was soll ich machen", ruft sie, "was soll ich machen?"

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 40 vom 22.9.2016.

Das Elend beginnt die Stadt zu spalten. Der Hauptbahnhof sei "alles andere als ein Aushängeschild für Hamburg", sagt Unternehmerin Christina Block, die Tochter des bekannten Hamburger Gastronomen Eugen Block. Wer mit der Bahn anreise, bekomme doch einen katastrophalen ersten Eindruck von der Hansestadt! Der Wirtschaftsrat der Hamburger CDU hat eine Umfrage gemacht: Demnach fürchten zwei von drei Gewerbetreibenden, dass der Müll und die vielen Obdachlosen die Touristen abschrecken.

Der Tourismus ist wichtig für Hamburg. Etwa 18 Millionen Übernachtungsgäste zählt die Stadt pro Jahr. Hinzu kommen 86 Millionen Tagesbesucher, die meisten reisen aus den angrenzenden Bundesländern an, viele per Bahn. Sie gehen in Restaurants essen, kaufen sich Andenken, machen eine Rundfahrt auf der Alster oder besuchen ein Musical. Rechnerisch bedeuten Touristen Arbeit und einen sicheren Lebensunterhalt für knapp 100.000 Hamburger. Bleiben die Touristen fern, dann geraten Arbeitsplätze in Gefahr. Dann frisst sich die Armut weiter in die Gesellschaft.

Die Modeläden in der Bahnhofspassage Wandelhalle haben geschlossen, in der Bierbar Small Talk oberhalb vom Gleis 7 gibt es nach zehn Uhr abends noch Bier vom Fass, 0,33 Liter kosten 2,90 Euro. Im Fernsehen läuft ein Boxkampf ohne Ton. Zwei Männer (Herrengedeck) versuchen, die Bedienung am Tresen (Frau, Ende 20) in eine Debatte über die Gefährlichkeit von Rolltreppen zu verwickeln. Es ist nicht unbedingt schön hier, aber sauber.

Ein Stockwerk darüber, kurz nach halb elf, ist man schon weiter. Der kahlköpfige Muskelmann mit der Aufschrift "Security" auf dem schwarzen T-Shirt hat innerhalb von nur fünf Minuten schon zweimal Betrunkene davon abhalten müssen, in die kleine Filiale von Edeka zu torkeln. Beide Männer sind um die 50 Jahre alt, beide schwitzen, der eine trägt eine dicke Lederjacke, während der andere zitternd eine Dose Red Bull umklammert. Ein normaler Abend? "Das wird echt immer schlimmer", antwortet der Muskelmann.

Schräg gegenüber liegt die McDonald’s-Filiale. Sie hat rund um die Uhr geöffnet, hier gibt es Burger für einen Euro. Die Fastfoodkette bezeichnet sie als "Deine neue Grundversorgung", als wäre das eine Art Sozialhilfe. Viele Straßenkinder sind hier, aber auch ein alter Mann im Parka, der zusammengesunken eine knappe Stunde lang auf einem der Billigburger herumkaut. Als er fertig ist, rücken zwei Männer der Wandelhalle-Security in weißen Hemden an und schaffen ihn raus.

Draußen, auf dem Vorplatz, bereitet sich der Obdachlose Klaus sein Abendessen zu, ein Stück Baguette mit Ei und Tomate liegt auf einem Verteilerkasten. Für die Mäuse hat er ein trockenes Brötchen auf einen Mauervorsprung gelegt – sie haben es bereits entdeckt und knabbern es an. "Ich mache Reduktionsdiät", erklärt Klaus freundlich. Das sei leider nötig geworden, seit ihn Schulmediziner im Krankenhaus falsch behandelt hätten und seither Reste von Bisphenol A in seinem Körper zerfielen. Dank seiner speziellen Ernährungsweise komme er aber gut klar und könne nicht klagen. Seit 30 Jahren ist er obdachlos.