Manchmal schlafen die zwei Salafisten Hand in Hand ein. Sie lehnen ihre Stirnen aneinander. Es fühlt sich vertraut an. Richtig. Vor Sonnenaufgang stehen sie auf. Sie beten. Ludovic-Mohamed Zahed ist 17 Jahre alt. Seit fünf Jahren ist er schon Salafist. Irgendwann fing er an, Djibril zu lieben. Und wusste selbst nicht, wie das kam.

Wenn Zahed heute davon erzählt, lächelt er. "Es war eine schöne Zeit bei den Salafisten, ich bereue sie nicht." 20 Jahre ist das alles her. Heute ist Zahed kein radikaler Muslim mehr, sondern ein schwuler Imam. Weltweit gebe es nur zehn wie ihn, sagt er. Zahed ist eine Ausnahme in der muslimischen Welt. Dort gilt Homosexualität als Sünde. Er hat eine Moschee für Schwule und Lesben in Paris gegründet. Er verheiratet Homosexuelle. Er hat ein Buch geschrieben, Queer Muslim Marriage. Es war ein langer Weg.

1977 wird Zahed geboren. Er wächst zwischen Algerien und Paris auf. Seine Eltern entstammen der Mittelschicht. Sie sind Muslime, aber leben ihren Glauben nicht sehr strikt aus. Zahed ist ein zartes, feminin wirkendes Kind. So beschreibt er sich später in seinem Buch. Als er acht Jahre alt ist, wiederholt er jeden Abend beim Spielen die Worte: "Ich bin eine Mischung aus beidem: ein bisschen wie ein Mädchen, ein bisschen wie ein Junge." Sein älterer Bruder schämt sich für ihn. Einmal bricht er ihm die Nase und das Kinn. Er schlägt ihm die Augen blau und ruft: "Das wird dich lehren, ein Mann zu sein." Sein Vater nennt ihn eine Memme und Heulsuse. Er droht, er würde ihm lieber die Nieren kaputt schlagen, ihn lebendig begraben, als zuzusehen, wie er zu "so etwas" werde.

Geborgenheit findet er bei seiner Großmutter. "Sie war das Licht in meiner Kindheit." Die Großmutter hängt einer mystischen Form des Islam an. Sie nimmt ihn mit in die Moschee. Durch sie findet er zum Islam. Wenn er betet, dann spürt er, dass da etwas ist auf der anderen Seite.

Manchmal bekommt er zu spüren, dass er als Migrant unerwünscht ist in Paris. Einmal, da ist er noch im Kindergarten, nennt ein Mädchen ihn einen "schmutzigen Araber". Ein anderes Mal muss er die Schule wechseln, weil die Mitschüler ihn, den Nordafrikaner, jagen. Sie setzen sich auf seinen Brustkorb und verbieten ihm, noch einmal einen Fuß in ihr Revier zu setzen.

Dieser Artikel stammt aus Christ & Welt, den Extraseiten der ZEIT für Glaube, Geist und Gesellschaft.

Als er zwölf Jahre alt und zu Besuch in Algerien ist, sprechen ihn die Salafisten in der Moschee an. Zahed ist für ihr Werben empfänglich. Aufgewachsen zwischen zwei Kulturen, weiß er nicht, wohin er gehört. Und dann ist da noch der Konflikt mit seinem Vater. "Ich suchte bei den Salafisten nach Wahrheit und Heilung, von der ich mich in Frankreich ausgeschlossen sah."

Bei den Salafisten lernt er Djibril kennen. Der neun Jahre Ältere bringt ihm bei, wie sich ein Mann verhält: Zahed muss aufrecht sitzen, den Oberkörper gewölbt, die Beine weit auseinander, die Stimme ruhig. "Nicht so, sondern so", korrigiert Djibril ihn. Gemeinsam gehen sie in die Moschee, Arm in Arm. Am Abend reden sie über Gott. Djibril wird zum Zentrum seines Universums.

Die Salafisten behandeln ihn wie einen Ebenbürtigen. Sie haben klare Regeln, ihr Takt bestimmt sein Leben. Zahed lernt den halben Koran auswendig, studiert die Hadithe. Ihm ist alles recht, solange er nicht über sich selbst nachdenken muss. Und dann ist da noch Djibrils schönes Haar.

Doch seine Welt bekommt Risse. In Algerien tobt ein Bürgerkrieg zwischen der Regierung und den Islamisten. Einmal steht Zahed auf dem Balkon und sieht mit an, wie seine Mutter hysterisch nach Deckung sucht. Fast wird sie in der Hauslobby bei einem Gefecht erschossen. Zahed ist entsetzt, was im Namen seiner Religion geschieht.

Je älter er wird, desto mehr meiden ihn die anderen Salafisten. "Auf meine Nachfrage hieß es, ich sei zu verführerisch für sie. Denn ich hatte mit 17 noch keinen Bart." Und auch seine Nähe zu Djibril missfällt den Glaubensbrüdern. Eines Tages spricht ihn der Salafisten-Bruder Murad zögernd darauf an. Er lächelt breit, während er sich gegen die Moscheetür lehnt. So wird Zahed es später schildern. "Versteh mich", sagt Murad, "die ganze Geschichte ist sehr delikat." "Die Geschichte? Welche Geschichte?", fragt Zahed. "Nun, die Brüder denken, dass die Nähe zwischen dir und Djibril unter gewissen Umständen zu einer Abscheulichkeit führen könnte."

Zahed ist entsetzt. Er hat gelernt, dass die körperliche Liebe zwischen zwei Männern etwas Verdorbenes ist. "Sag du mir wenigstens, dass du diesen Verunglimpfungen nicht glaubst, Murad!?" "Hör zu, meine Meinung ist irrelevant", antwortet der. "Doch es ist Zeit, dieses schwierige Problem zu lösen."

Als Zahed am Eingang seine Schuhe abstreift, spürt er eine Welle der Erschütterung. Diese Erschütterung wird noch Jahre anhalten. Was ist, wenn seine Beziehung zu Djibril mehr als brüderlich ist? Was ist, wenn er sie aufgeben muss? Wieso nehmen sich die anderen Brüder das Recht heraus, über ihn und Djibril zu urteilen? In der Moschee nähert sich ihm ein Salafist. "Fürchte Gott in deiner Seele", warnt er Zahed. "Hör auf, dich ständig mit Djibril in der Öffentlichkeit zu zeigen! Hör auf, immer an ihm festzukleben!" Zahed sucht mit seinen Blicken Djibril, doch die anderen haben ihn von ihm abgeschirmt.

Zahed betet, doch er kann sich nicht auf Gott konzentrieren. Fragen schießen ihm durch den Kopf: Was sucht er in der Moschee? Vor welchem Teil seiner Persönlichkeit ist er all die Jahre geflohen? Warum müssen die Salafisten alles und jeden standardisieren? "Mein Kopf ist explodiert."