DIE ZEIT: Herr Schwalb, haben Sie sich schon an drittklassigen Handball gewöhnt?

Martin Schwalb: Ich bin noch dabei. In meinem Leben habe ich noch nie in der dritten Liga agiert, zum Beispiel bin ich noch nie in Oranienburg für ein Handballspiel gewesen. Aber eigentlich mache ich mir keine großen Gedanken über die Liga. Es geht darum, dass wir den HSV Hamburg neu aufbauen.

ZEIT: Sie haben als Trainer mit dem HSV die deutsche Meisterschaft und die Champions League gewonnen. Denken Sie manchmal an alte Zeiten, wenn Sie in einer von diesen ranzigen Sporthallen stehen?

Schwalb: Überhaupt nicht. Als Handballer bin ich in solchen Hallen aufgewachsen, ich habe viel Zeit meines Lebens in ihnen verbracht. Man wird ja nicht in Arenen groß.

ZEIT: Sie sind 2014 als Trainer entlassen worden und im Unfrieden mit dem langjährigen Mäzen Andreas Rudolph gegangen. Warum kehren Sie nun nach der Insolvenz zurück, um mit einer Reservemannschaft von vorne anzufangen?

Schwalb: Das wurde damals alles viel zu sehr aufgebauscht, weil ich am Tag der Kündigung einen Herzinfarkt erlitten habe. In Wirklichkeit hege ich keinen Groll. Deshalb habe ich auch nicht gezögert, als mich Gunnar Sadewater, der für den Nachwuchs verantwortlich war, um Hilfe gebeten hat. Die gesamte Jugendabteilung hing am seidenen Faden. Die konnte für die Insolvenz der Profis doch gar nichts!

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 40 vom 22.9. 2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

ZEIT: Der HSV-Handball ist gescheitert, weil Rudolph ihn fallen ließ. Was hat Sie überzeugt, dass es ohne sein Geld geht?

Schwalb: Ich weiß ganz einfach, wie attraktiv Handball in der Stadt ist. In unserem Meisterjahr hatten wir in der Arena den höchsten Besucherschnitt, der bis heute in unserem Sport erreicht wurde, 10.800 pro Spiel.

ZEIT: Sie sind jetzt Vizepräsident und verantwortlich für die Bereiche Sport und Kommunikation. Was bedeutet das?

Schwalb: Ich versuche, meine Kontakte in der Stadt und in der Handballszene zu nutzen. Nach dem Aus ging es erst mal darum, unsere Trainingsstätte und die Geschäftsstelle neben der Arena zu erhalten. Wir hatten nicht mal mehr Kugelschreiber. Wir mussten uns alles zusammenbasteln. In der Phase haben uns viele Menschen geholfen, allen voran Alexander Otto mit seiner Stiftung.

ZEIT: Haben Sie was mit dem Training zu tun?

Schwalb: Gar nicht. Ich gucke natürlich mal vorbei oder fahre im Mannschaftsbus mit. Mehr aber nicht. Wir haben mit Jens Häusler einen hervorragenden Trainer.

ZEIT: Die Mannschaft trainiert fünf- bis siebenmal pro Woche. Viel Aufwand für die dritte Liga.

Schwalb: Wir sind ja auch kein gewöhnlicher Drittligist. Das hat nichts mit Arroganz zu tun, das ist unsere Aufgabenstellung. Wenn wir in Hamburg etwas aufbauen wollen, müssen wir an allen Fronten professionell aufgestellt sein. Mit einer Halbtagskraft in der Geschäftsstelle ist es nicht getan. Wir haben 1700 Dauerkarten verkauft. Was meinen Sie, wie viel Arbeit es ist, dass bei unseren Heimspielen in der Sporthalle Hamburg oder auch im täglichen Trainingsbetrieb aller Mannschaften alles reibungslos funktioniert.

ZEIT: Es wirkt so, als drückten Sie sich davor, vom Aufstieg zu sprechen.

Schwalb: Wir hatten vor fünf Monaten noch nicht mal was unter den Fingernägeln, und jetzt soll ich von der Bundesliga reden? Unsere Aufgabe ist es, einen solide strukturierten Verein aufzubauen. Wo das hinführt, werden wir sehen.

ZEIT: Ihr Verein kann in dieser Saison dank einiger Sponsoren auf etwa eine Million Euro zurückgreifen. Warum glauben Sie, dass er nicht wieder in Existenznot gerät?

Schwalb: Wir geben einfach nur aus, was wir haben. Wir haben ja keine riesigen Etats zu bestücken. Unsere Spieler sind Studenten oder arbeiten ganz normal. Sie bekommen eine Aufwandsentschädigung, von der sie sich gerade mal ein kleines Auto leasen können. Und ich habe großes Vertrauen in unseren Präsidenten Marc Evermann, der sich um die Wirtschaft kümmert.

ZEIT: Evermann ist Unternehmer in der Textilbranche. Ist er auch Sponsor?

Schwalb: Bislang nicht. Es könnte sich aber ergeben, dass er uns finanziell hilft. Mäzenatentum wird es bei uns aber nicht mehr geben.