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Deutschsprachige Anhänger der Terrorgruppe "Islamischer Staat" (IS) haben in jüngster Zeit vermehrt zu Gewaltakten in Deutschland aufgerufen. "Wir beobachten seit einigen Tagen einen deutlichen Anstieg von allgemeinen und auch personenbezogenen Aufrufen zur Tötung von Personen in deutschsprachigen dschihadistischen Propagandamedien, etwa dem Messenger-Dienst Telegram", sagte der Leiter des Bremer Landeskriminalamtes Daniel Heinke der ZEIT. Ein leitender Verfassungsschützer bestätigte: "Es ist definitiv ein Anstieg zu verzeichnen." Vor allem in sozialen Netzwerken werde permanent zu Attacken aufgerufen, "nach dem Motto: Ihr müsst auch mal!".

Es ist nicht das erste Mal, dass deutschsprachige Dschihadisten zu Anschlägen in Deutschland aufrufen. Vor allem als Reaktion auf Terrorakte anderswo in Europa ließ sich das bereits in der Vergangenheit beobachten. Aber die aktuelle Ballung ist auffällig.

Die Aufrufe richten sich sowohl gegen Opfer, die willkürlich ausgewählt werden sollen, als auch gegen ganz bestimmte Personen. So wird derzeit unter der Überschrift "Tötet die Imame des Unglaubens" das Foto eines prominenten deutschen Salafisten-Predigers verbreitet, der sich mehrfach gegen den IS positioniert hat. "Gesucht tot oder tot" steht darunter. An anderer Stelle heißt es, willige Attentäter sollten zum Beispiel Betrunkene angreifen. Die IS-Sympathisanten werden angestachelt, es Attentätern nachzutun, die in den vergangenen Monaten im Namen des IS in Europa Anschläge verübt haben, so wie der Mann, der in Nizza mit einem Lkw in eine Menschenmenge gefahren war. Zum Lohn wird der sofortige Einzug ins Paradies versprochen.

Die Gewalt solle zur Not mit primitivsten Mitteln durchgeführt werden, forderte ein IS-Sprecher

Immer wieder wird betont, wie einfach es sei, einen Anschlag durchzuführen – genau wie es auch in den Aufrufen der IS-Führung heißt. So hatte der kürzlich durch eine US-Drohne getötete IS-Sprecher Abu Mohammad al-Adnani Anhänger der Gruppe dazu aufgefordert, Terrorattacken zur Not mit primitivsten Mitteln durchzuführen ("Fackle ihre Felder ab").

Wer die Absender der Aufrufe im deutschsprachigen Internet sind – ob es sich um IS-Mitglieder handelt oder um Sympathisanten –, ist unklar. Mitarbeiter deutscher Sicherheitsbehörden sind allerdings besorgt, dass solche Aufrufe bei radikalisierten Personen als Auslöser wirken könnten.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 40 vom 22.9.2016.

IS-Sprecher Al-Adnani, der mutmaßlich für die Planung von Anschlägen außerhalb Syriens und des Iraks zuständig war, hatte mehrfach erklärt, alle Mitgliedsstaaten der internationalen Anti-IS-Koalition stünden im Fadenkreuz des IS – und dazu zählt auch Deutschland.

Zwei Attentäter haben in diesem Jahr bereits im Namen des IS hierzulande zugeschlagen und ihre Gewalttaten als Vergeltung deklariert. Bei Würzburg griff im Juli ein Afghane in einem Regionalzug eine Gruppe Touristen mit einer Axt an; er wurde anschließend von der Polizei erschossen. In Ansbach tötete sich im selben Monat ein Syrer wohl aus Versehen selbst, als er einen Sprengsatz nahe eines Lokals deponieren wollte.

Westliche Terroranalysten gehen davon aus, dass der IS eine mehrgleisige Taktik verfolgt. Einerseits plant deren Abteilung für "externe Sicherheit" in den von ihm gehaltenen Gebieten Syriens Anschläge im Westen; in diese Kategorie fällt etwa das Blutbad von Paris im November 2015. Zudem setzt die Gruppe darauf, dass Sympathisanten IS-Aufrufe zur Gewalt befolgen und unabhängig Anschläge planen und ausführen – so wie es wohl in Nizza gewesen ist. Mittlerweile sind mehrere Fälle bekannt, in denen IS-Kader solche selbst rekrutierten Attentäter bei ihren Anschlagsplanungen über Internet oder Telefon berieten. Auch bei den Anschlägen in Ansbach und Würzburg war dies der Fall.

Gilles de Kerchove, Koordinator für Terrorismusbekämpfung der Europäischen Union, sagte kürzlich auf einer Konferenz in Israel: "Die Bedrohung war seit 2001 nicht derart hoch und komplex."

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