Er war Journalist, und er hatte nur ein Thema: Adolf Hitler.

Konrad Heiden, geboren 1901, studierte zu Beginn der zwanziger Jahre in München, als der zwölf Jahre ältere gescheiterte Kunstmaler aus Braunau am Inn seine verhängnisvolle politische Karriere begann. Der junge Student erkannte sofort, dass sich hier eine gefährliche Bewegung aus dem Heer der Verlierer des gerade zu Ende gegangenen Weltkrieges entwickelte.

Heiden beschloss, Reporter zu werden, Berichterstatter, Chronist der laufenden Ereignisse. Er begann als Hilfsredakteur im Münchner Büro der bürgerlich-liberalen Frankfurter Zeitung und schrieb bald täglich Berichte über das politische Chaos der Nachkriegszeit, aus dem Hitler seine Bewegung formte.

Heiden hatte Informanten im Umfeld des "Führers", wollte genau wissen, wie das System Hitler innerhalb der Partei funktionierte. Er beobachtete die frühen Parteiveranstaltungen und beschrieb präzise und nicht selten mit einem bitteren, sarkastischen Unterton die Wirkungsweise Hitlerscher Redekunst. Das trug ihm sogar den Vorwurf ein, er habe "in der Gemeinheit noch die Größe" gesehen, wo allein "Abscheu und Empörung" am Platze gewesen wären.

Später schrieb er über jene Zeit: "Ich habe Hitler in den Jahren seines Aufstiegs viele Dutzend Male aus nächster Nähe zugehört, ihn auch gelegentlich im privaten Zirkel aus geringer Entfernung beobachten können. Aber wenn dabei für mein damaliges Gefühl etwas Faszinierendes war, so war es das Publikum. Über die Reden selbst stand mein frühreifes Urteil fest, noch bevor ich sie gehört hatte: alles Unsinn, alles gelogen, und zwar dumm gelogen, und überhaupt alles so lächerlich, daß jeder, so meinte ich, das doch sofort einsehen müsse. Stattdessen saßen die Zuhörer wie gebannt, und manchem stand eine Seligkeit auf dem Gesicht geschrieben, die mit dem Inhalt der Rede schon gar nichts mehr zu tun hatte, sondern das tiefe Wohlbehagen einer durch und durch umgewühlten und geschüttelten Seele widerspiegelte. Mein jugendliches Urteil über Hitler hat das nicht erschüttert; wohl aber begann ich, bestürzt, etwas über Menschen zu lernen."

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 40 vom 22.9.2016.

Anfang der dreißiger Jahre wurde es beruflich eng für unabhängige Journalisten, und so beschloss Konrad Heiden, seine Aufzeichnungen zu einem Buch zu verarbeiten. Es erschien im Dezember 1932 unter dem Titel Geschichte des Nationalsozialismus. Die Karriere einer Idee im Rowohlt Verlag und wurde nach der Machtergreifung umgehend verboten. Heiden musste aus Deutschland fliehen, erst in die Schweiz, dann ging er ins Saargebiet, das damals noch unter dem Schutz des Völkerbundes stand. Dort gründete er zusammen mit anderen Journalisten die Tageszeitung Deutsche Freiheit und schrieb mit Geburt des Dritten Reiches einen zweiten Band über Hitlers Machtergreifung. 1936 schließlich kam im Schweizer Europa Verlag seine, die erste Hitler-Biografie heraus, ein sehr erfolgreiches Buch, das in mehrere Sprachen übersetzt wurde, 1944 von Heiden unter dem Titel Der Fuehrer im amerikanischen Exil aktualisiert wurde – und heute praktisch vergessen ist.

Die Lektüre vor allem der ersten Bücher Heidens ist eine Zeitreise besonderer Art. Konrad Heiden konnte ja in den zwanziger Jahren nicht wissen, was aus Hitlers Bewegung werden würde. Er beschrieb, was er sah – und nicht das, was spätere Historiker aus dem Ablauf der Geschichte bereits wussten. Das macht seine Beobachtungen, Beschreibungen und Analysen so faszinierend – und so weitsichtig.

Er sah den Aufstieg Hitlers zur Macht – als viele diesen nur als hetzende Eintagsfliege betrachteten. Er sah den Massenmord durch Giftgas an den Juden schon voraus, als dieser noch gar nicht begonnen hatte. Er sah als einzige Zukunft der Deutschen und der Europäer eine europäische Einheit. Er war kein Politiker. Nur ein Journalist.

Über sich selbst hat Konrad Heiden wenig geschrieben. So gut wie nichts in den zwanziger und dreißiger Jahren. Nur einiges wenige später. Vereinzelte Briefe und Notizen sind erhalten, einige davon auf Englisch, aus der frühen Nachkriegszeit.

Heiden selbst betrachtete seinen Kampf mit einer gewissen stolzen Bescheidenheit. Als er Anfang der sechziger Jahre, schwer krank und mittellos, von Amerika aus in Deutschland einen Wiedergutmachungsantrag stellte, schrieb er darin: "Ich habe dem privaten Tort, den die Nazis mir persönlich angetan haben, bisher selten Beachtung geschenkt. Mir genügte das Bewußtsein, es ihnen in Wort, Schrift und Tat nach Kräften vergolten zu haben, obwohl persönliche Vergeltung als Motiv dabei keine Rolle spielte."

Kurz nach der Machtübernahme wurde Heidens Buch Geschichte des Nationalsozialismus aus dem Verkehr gezogen. In der eidesstattlichen Versicherung für seinen Wiedergutmachungsantrag schrieb Konrad Heiden 1957: "Das Resultat nach der Machtergreifung Hitlers war klar: Ich wurde nicht nur als Halbjude (meine Mutter war jüdisch), sondern auch wegen meiner anti-nazistischen politischen Einstellung von der Hitlerregierung verfolgt." Der Rowohlt Verlag habe ihn gewarnt, dass die Nazis ihn suchten. Er musste sich verstecken und lebte dann eine Zeit lang "schwarz", also illegal, in Deutschland. An einem "goldenen Maitag 1933" sei er ein letztes Mal in Nürnberg gewesen. Damals hatte er "einige Anstrengungen unternommen", um gemeinsam mit anderen Hitler-Gegnern im Untergrund gegen die Nazis zu kämpfen. Er habe in Nürnberg gelernt, "wie man unsichtbare Briefe mit Reiswasser schreibt, die man dadurch lesbar macht, daß man sie in verdünntes Jod taucht". In Verstecken und bei geheimen Treffen hätten sie darauf gewartet, dass "Sabotageeinheiten an der Ruhr die Kohlebergwerke fluten würden, was sie niemals taten".

"Ein Meisterwerk der Planmäßigkeit und der Disziplin"

Nürnberg, so erinnerte er sich, "war ein Aufruhr von Flaggen und Fanfaren und ein trüber See aus SA-Leuten mit gelben Hemden". Heiden hatte in der Nacht zuvor auch gehört, was die neuen Herrscher in Baracken und Kellern Menschen antaten. Ein alter Freund erzählte ihm, er habe ein Auge verloren, als er von SA-Leuten in einem Keller zusammengeschlagen wurde. Sie hätten ihm auch einen Nagel durch die Hand gehämmert.

Heiden wollte das zunächst nicht glauben. Aber er konnte sehen, dass sein Freund nur noch ein Auge hatte. Er schrieb: "Es gab so viele Dinge, die man nicht genau wissen konnte, die man dennoch nie ganz vergaß und die sich mit den Jahren tiefer und tiefer eingruben."

Unwillkürlich begann er, überwältigt von den Horrorgeschichten, die man ihm erzählt hatte, leise vor sich hin zu murmeln, während um ihn herum die Gelbhemden irgendeinem Menschen oder irgendeiner Sache zujubelten. Einsam lief er "an einem dieser unzähligen bierseligen Festtage der Nazis" durch die aufgeregte Menge in der Halbmillionenstadt, inmitten von Parteigenossen, die in diesem Frühjahr 1933 fasziniert von ihrem unglaublichen Erfolg waren.

"Das Glücksgefühl über diese sogenannte Große Stunde stand auf den Gesichtern in dieser malerischen alten Stadt", beobachtete er und versuchte, "die menschliche Gemeinheit", die ihm hier entgegenschlug, einigermaßen auf Abstand zu halten.

"Deine besten Freunde werden sich später nicht mehr daran erinnern. Sie werden sagen: Das hier ist großartig, und Hitler ist keinesfalls der Dummkopf, für den wir ihn gehalten haben, es ist einfach Geschichte."

Konrad Heiden lebte im Pariser Stadtteil Neuilly-sur-Seine, als sich am 7. November 1938 der jüdische Flüchtling Herschel Grynszpan in einem Waffengeschäft einen Revolver kaufte und auf den Weg in die Deutsche Botschaft machte. Dort schoss er fünfmal auf den Botschaftssekretär Ernst vom Rath. Dieses Attentat kam einem Mann wie gerufen: Joseph Goebbels. Es lieferte ihm frei Haus einen weiteren Anlass, noch brutaler gegen die Juden im Reich vorzugehen.

Wenige Stunden nach dem Bekanntwerden des Todes von vom Rath am Abend des 9. November gingen NSDAP und SA in abgestimmten Aktionen überall in Deutschland mit Stangen, Messern, Revolvern, Äxten, Vorschlaghämmern und Brechstangen gegen jüdische Bürger und ihre Besitztümer vor. Über tausend Synagogen wurden in Brand gesetzt, jüdische Geschäfte geplündert und zerstört. Mehrere Hundert Juden kamen ums Leben, Zehntausende wurden in den Wochen danach in Konzentrationslager abtransportiert. Nicht zuletzt: Eine neue Flüchtlingswelle wurde ausgelöst. Die offenen antijüdischen Pogrome vor den Augen der deutschen Bevölkerung gingen als "Reichskristallnacht" in die Geschichte ein.

Auch nach diesem schrecklichen Ereignis machte sich Konrad Heiden umgehend wieder an seine Aufklärungsarbeit. Er sprach mit Zeugen und wertete in Amsterdam zahlreiche Zeugenaussagen aus. 1939 gab er einen Sammelband mit Augenzeugenberichten unter dem Titel Der Pogrom heraus. Das Buch erschien in Zürich und Paris mit einem Vorwort von Heinrich Mann. Doch Heiden arbeitete zugleich an einer eigenen Darstellung der "Reichskristallwoche": Nächtlicher Eid erschien auf Französisch, Englisch und Dänisch, nicht aber auf Deutsch.

Es war die erste zeitgenössische Darstellung der Novemberpogrome. Im New Yorker Aufbau wurde das Buch als "atemberaubende Reportage" bezeichnet.

Am Morgen des 10. November 1938 waren fast alle jüdischen Gotteshäuser in Deutschland Brandstätten und Trümmerhaufen. "Rauchgeschwärzte oder umgestürzte Mauern, geborstene Kuppeln, verbranntes Gestühl", wie Konrad Heiden festhielt. "Binnen drei Stunden fielen in Deutschland die Synagogen. Es war ein Meisterwerk der Planmäßigkeit und der Disziplin; als ob ein einziger großer Feuerbrand mit einem Strich über das Land hingewischt hätte. Dies macht der SS so schnell niemand nach."

Offiziell hieß es, niemand habe die Aktionen von oben angeordnet, organisiert oder vorbereitet.

Doch Heiden war klar, dass dahinter ein Plan stand. Er schrieb: "Viele deutsche Juden haben es nicht glauben wollen; haben sich nach jeder neuen Grausamkeit eingeredet, daß eine noch größere Grausamkeit nun doch nicht möglich sei."

Sie hatten, so meinte Heiden, die Schriften Hitlers und seiner Handlanger nicht sorgfältig genug studiert. Für ihn machten Hitlers Mein Kampf und die Veröffentlichungen der SS die wirklichen Absichten der Machthaber klar: "Seit langem sind im Schwarzen Korps regelmäßig die Dinge angekündigt oder wenigstens angedeutet worden, die bald darauf Tatsache wurden." Woche für Woche werde eine halbe Million von Exemplaren dieser SS-Zeitschrift im Land verbreitet: "Wenn in Deutschland noch irgendwer das Verlangen hat, wenigstens andeutungsweise zu erfahren, was in den oberen Regionen gedacht oder vorbereitet wird, dann hält und liest er dieses Blatt."

"Konrad Heiden, Feind der Nazis"

Das Schwarze Korps, so schrieb Heiden, "brachte in der 47. Folge seines vierten Jahrganges vom 24. November 1938 einen Artikel, der folgende Stelle enthielt: 'Weil es notwendig ist, weil wir das Weltgeschrei nicht mehr hören und weil uns schließlich auch keine Macht der Welt daran hindern kann, werden wir also die Judenfrage nunmehr ihrer totalen Lösung zuführen.'"

Was das bedeuten würde, wurde unmissverständlich ausgedrückt. Man stehe "vor der harten Notwendigkeit, die jüdische Unterwelt genau so auszurotten, wie wir in unserem Ordnungsstaat Verbrecher eben auszurotten pflegen: mit Feuer und Schwert. Das Ergebnis wäre das tatsächliche und endgültige Ende des Judentums in Deutschland, seine restlose Vernichtung."

Heiden wurde noch deutlicher: "Es wird empfohlen, den letzten Absatz nochmals zu lesen. Man erinnere sich gewisser Taten, die in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 geschahen. Man setze voraus, daß es keine Verworfenheit gibt, die grundsätzlich unmöglich wäre. Sechshunderttausend Menschen durch Raub in den Hunger, durch den Hunger in die Verzweiflung, durch Verzweiflung zu unberechenbaren Ausbrüchen und durch diese Ausbrüche unter das wartende Schlachtmesser zu treiben – das ist der kalt ausgedachte Plan. Ein Massenmord wird gewünscht; ein Massaker, wie es die Geschichte trotz Mithridates und Tamerlan vermutlich noch nie sah. Unter welchen technischen Formen diese Massenhinrichtungen sich vollziehen werden, können wir nur vermuten."

Aber seine Vermutung stützte sich auf eine weitere Quelle, die er vermutlich aufmerksamer gelesen hatte als die meisten der Millionen, die das Buch freiwillig oder weniger freiwillig gekauft hatten. Er zitierte eine Seite aus Mein Kampf: "Hätte man zu Kriegsbeginn und während des Krieges einmal zwölf oder fünfzehn Tausend dieser hebräischen Volksverderber so unter Giftgas gehalten, wie hunderttausende unserer besten deutschen Arbeiter aus allen Schichten und Berufen es im Felde erdulden mußten, dann wäre das Millionenopfer der Front nicht vergeblich gewesen. Im Gegenteil: Zwölftausend Schurken zur rechten Zeit beseitigt, hätte vielleicht einer Million ordentlicher, für die Zukunft wertvoller Deutscher das Leben gerettet."

Heiden verstand, was Hitler und seine Gefolgsleute damit sagen wollten. Inzwischen sei der Vernichtungswille in den leitenden Schichten des Regimes zweifellos gewachsen, schrieb Heiden. Zum guten Teil deshalb, weil sie ihre bisherigen Taten, entgegen der eigenen Erwartung, ohne wesentlichen Widerstand oder gar Strafe begehen konnten. Niemand könne sich nach den Erfahrungen der letzten Jahre heute noch erlauben, einen Satz aus Mein Kampf nicht sehr ernst zu nehmen: "Von hohen Führern des Regimes wird heute gern die Wendung ›auf den Knopf drücken‹ gebraucht, wobei sich die Zuhörer nie recht klar sind, ob sie das Gesagte ganz ernst nehmen sollen; erläuternd wird – immer noch unter der Maske der eventuellen Scherzhaftigkeit – gesagt: Alle Juden wird man in einem großen Raum versammeln und dann durch Knopfdruck das Gas auslösen."

Das schrieb Konrad Heiden um die Jahreswende 1938/39 – vor dem Beginn des Zweiten Weltkriegs im September 1939, bevor man die Vernichtungslager in Auschwitz, Majdanek und Treblinka baute und mit der fabrikmäßigen Vergasung von Millionen Juden begann. Heiden hatte seine Quellen nicht nur studiert, sondern auch verstanden. Er wusste, was auf Europa zukam.

Heiden schaffte es, mithilfe des Emergency Rescue Committee in die USA zu entkommen. Dort schrieb er eine weitere Hitler-Biografie, die 1944 ein großer Erfolg wurde. In Deutschland war er nach dem Krieg fast vergessen. Als er 1966 nach seiner langen Parkinson-Erkrankung starb, gab es in deutschen Zeitungen nur kurze Notizen. In einem umfangreichen Nachruf in der New York Times aber hieß es unter der Überschrift "Konrad Heiden, Feind der Nazis": "Er war ein Propagandist von besonderer Art – einer, der seinen Gegner mit Objektivität und mit Dokumenten bekämpfte – und verspottete." Ihn zu lesen ist noch heute eine erhellende und faszinierende Erfahrung.

Von Stefan Aust ist soeben das Buch "Hitlers erster Feind. Der Kampf des Konrad Heiden" bei Rowohlt erschienen.