Mit zittrigen Fingern wählt Thomas* die Nummer des Notrufs. Er ist allein zu Hause, doch in seinem Kopf hat er Gesellschaft. Der Leitstelle berichtet er von bedrohlichen Personen in seiner Wohnung. Wenige Minuten später erreichen zwei Streifenpolizisten den anonymen Wohnblock in einer Großsiedlung am Dortmunder Stadtrand. Es ist zwar kein Eindringling zu entdecken, dafür aber Dinge, die eine Reihe von Alarmmeldungen rechtfertigen. Zentrale, Sondereinsatzkommando, Kampfmittelräumdienst.

Thomas’ Wohnung gleicht einer Waffenkammer. Maschinengewehre an den Wänden, eine Schüssel mit Handgranaten schmückt den Wohnzimmertisch, auf der Vitrine zeichnen sich schemenhaft die Konturen einer russischen Panzerabwehrrakete ab – Modell AT-3 Sagger. Erst ein extra herbeigeschafftes mobiles Röntgengerät bringt die erleichternde Gewissheit: Die Waffen sind lediglich Attrappen.

Aber längst hat etwas anderes die Aufmerksamkeit der Beamten auf sich gezogen. Überall in der Wohnung stehen Erlenmeyerkolben, Pipetten und Präzisionswaagen herum. Dazwischen Dutzende braune Fläschchen mit verdächtigem pulverförmigem Inhalt. Eine Sachverständige für Arzneimittel wird angefordert. Doch keiner der Stoffe verstößt gegen das Betäubungsmittelgesetz. Was zu diesem Zeitpunkt keiner der Herbeigerufenen ahnt: Thomas war bis wenige Wochen vor dem Tag des Notrufs ein äußerst erfolgreicher Händler für Designerdrogen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 40 vom 22.9.2016.

Zwei Jahre später. Eine andere Wohnung. Eine andere Stadt. Ein anderes Leben. Thomas brät Roastbeef an. Jeder Handgriff sitzt. Er wirkt beinahe pedantisch vertieft. Langsam breitet sich der Duft von Fleisch aus und verbindet sich mit dem süßlichen Dampf von Elektrozigaretten. Geschmacksrichtung Waldmeister, Thomas aromatisiert sie selbst, nur für den Eigengebrauch. Der Rest ist Geschichte. Doch die muss warten, bis der Tisch gedeckt ist.

Thomas’ Werdegang klingt wie aus dem Handbuch für Unternehmensgründer: eine innovative Geschäftsidee, ein aufblühender Wirtschaftszweig, das nötige Maß an Verrücktheit, der perfekte Zeitpunkt und ein exorbitantes Marktpotenzial. In der Berliner Start-up-Szene würde man sagen: Er hat das Gen. Doch während andere Gründer ihr Geld mit personalisiertem Müsli oder Musikstreaming-Diensten verdienen, verkaufte Thomas chemische Drogen. Online, mit 19 Prozent Mehrwertsteuer und zu hundert Prozent legal.

Bereits als Jugendlicher interessiert sich der heute 28-Jährige für psychoaktive Substanzen. Über Internetforen wird er auf pflanzliche Rauschmittel aufmerksam. Früh hat es ihm der Azteken-Salbei angetan. Geraucht, ruft der darin enthaltene Wirkstoff Salvinorin A lebhafte Halluzinationen hervor. Seit Jahrhunderten werden solche pflanzlichen Drogen in allen Kulturkreisen rituell und religiös genutzt. Doch Fliegenpilz, Ayahuasca und Engelstrompete haben zweierlei gemeinsam: Sie sind schwer zu dosieren und haben unvorhersehbare Nebenwirkungen. Auch darum ist Thomas schon früh von der Idee einer synthetischen Herstellung der psychedelischen Wirkstoffe begeistert – für den punktgenauen Rausch.

Als dann Mitte des vergangenen Jahrzehnts die Kräutermischung Spice auf den Markt kommt, weckt das Thomas’ Aufmerksamkeit. In einschlägigen Läden wird die Substanz als Räucherwerk verkauft. Doch die Raumluft erfrischen wollen die Interessenten nicht. Spice wirkt ähnlich berauschend wie Cannabis (ZEIT Nr. 49/08). Im Gegensatz zum Joint sind alle Inhaltsstoffe von Spice damals noch vollkommen legal, der Stoff ist bequem im Internet bestellbar. Und bei Verkehrskontrollen lässt er sich mit gängigen Testverfahren nicht nachweisen. Legaler Kauf, legaler Konsum.

Das Familienunternehmen ist komplett

Der berauschende Wirkstoff in Spice wurde nicht im geheimen Drogenlabor künstlich nachgekocht, sondern mit US-Steuermitteln finanziert. Der amerikanische Wissenschaftler John William Huffman forschte in den achtziger Jahren zur Wirkweise von Cannabinoiden, um neuartige Medikamente gegen die Nebenwirkungen von Chemotherapien zu finden. Der von ihm dabei entwickelte Wirkstoff JWH-018 ist um ein Vielfaches stärker als natürliches Cannabis. Huffmann selbst warnte wiederholt vor dem unkontrollierten Konsum. Doch in metallisch schimmernden kleinen Tütchen trat JWH-018 in Deutschland den Siegeszug an. Nicht in den Krankenhäusern, sondern in den Headshops. Spice war die erste große Erfolgsgeschichte einer neuen Generation von Drogen, der sogenannten Legal Highs.

"Sonderchemikalien", die sich nur in Details von illegalen Rauschmitteln unterscheiden

Inzwischen ist das Essen beendet. Zum Nachtisch erklärt Thomas die Besonderheit der Legal Highs. Auf einer Serviette zeichnet er die Strukturformel der – verbotenen – Partydroge MDMA auf. Er streicht eine Bindung, versetzt ein Molekül an eine andere Stelle. MDMC. Noch ein Strich mehr. 3-MMC. Die Wirkung bleibt die gleiche. Aber eine kleine Veränderung in der Zusammensetzung entscheidet über die Grenze zwischen Legalität und Strafbarkeit. Die Gesetzgeber kommen bei solchen chemischen Taschenspielertricks nicht mehr hinterher. Denn verboten werden kann nur, was bekannt ist. Doch allein im vergangenen Jahr zählten die Behörden über hundert neue Substanzen.

Als der Bundestag Spice 2009 per Eilverordnung verbieten lässt, schließt sich zwar ein kleines Türchen, zugleich tut sich aber für den Rauschmittel-Autodidakten Thomas eine Welt auf. Ein abgebrochenes Chemiestudium bildet das Fundament für seine Geschäftsidee. Er sichert sich eine anonyme Internetadresse auf den Bahamas und gründet seinen eigenen Webshop für "Laborzubehör und Sonderchemikalien". 20 Substanzen führt er im Sortiment. Sie haben nichtssagende Namen wie 4-FA, AM-2201 und 2C-E. Doch bereits ein wenig Recherche in einschlägigen Foren verrät: 4-FA hat eine aufputschende Wirkung, 2C-E wirkt psychedelisch, und der Konsum von AM-2201 beruhigt.

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Die Substanzen bestellt er bei europäischen Großhändlern für Chemiebedarf. Fast täglich klingelt der Paketdienst an der Tür. Der Weiterversand hingegen erfolgt über ein Postfach. Und das aus gutem Grund: Schon bald liegen darin neben Rücksendungen auch erste Anschreiben der Polizei. Die Behörden sind auf Thomas aufmerksam geworden. In einer bayerischen Poststelle werden alle Pakete des Webshops abgefangen. Das Landeskriminalamt Hessen bestellt sogar über die offizielle Seite Produktproben. Doch Rechtsverstöße kann die Polizei Thomas nicht nachweisen, denn sobald ein Gesetzesentwurf zum Verbot der Substanz eingebracht wird, nimmt er die entsprechende Ware aus dem Sortiment.

Einmal bemerkt Thomas erst im letzten Moment, dass er beinahe die falsche Ware versendet hätte – es wäre womöglich ein Irrtum mit unabsehbaren Folgen für den Besteller geworden. Auch wenn Thomas jeder Bestellung einen Informationszettel beilegt. Darauf steht neben der Strukturformel und Angaben zur Reinheit der Substanz auch die Warnung: "Nicht für die Anwendung am Menschen geeignet!" E-Mails, in denen eine Auskunft zur Wirkweise einer Chemikalie verlangt wird, ignoriert er. Aber hatte Thomas nicht von Anfang an darauf spekuliert, dass nur die wenigsten Empfänger seiner Päckchen Chemielaboranten sein würden? Ist es nicht viel wahrscheinlicher, dass der überwiegende Teil der Kunden Psychonauten waren? So nennen sich Menschen, die Rauschmittel testen, deren Wirkung noch vollkommen unbekannt ist. Sie wollen die ersten Reisenden auf dem Weg in die unbekannten Sphären des menschlichen Geistes sein. Die einzigen Reiseführer für sie sind Online-Erfahrungsberichte anderer Konsumenten. Wie riskant das ist, verrät ein Blick in den im Juni veröffentlichten neuen Drogenbericht der Bundesregierung.

In diesem erfährt man, dass allein im Jahr 2015 in Deutschland 39 Menschen infolge des Konsums von Legal Highs starben. Thomas hält dagegen: "Alkohol und Tabak töten jedes Jahr Zehntausende Menschen – allein hierzulande." Nein, Vorwürfe mache er sich nicht. Immerhin habe er viele Vorkehrungen getroffen und konnte stets die absolute Reinheit der Substanzen garantieren. Die Kunden seien sich der Tatsache bewusst, dass die Substanzen zuvor, falls überhaupt, nur an Laborratten getestet wurden.

Das Risiko scheint das wachsende Interesse nicht zu bremsen. Anfangs gehen drei Bestellungen am Tag ein. Thomas bringt sie mit dem Fahrrad zur Post. Als die Marke von hundert Aufträgen in der Woche erreicht wird, benötigt er Mitarbeiter. Da eine Stellenausschreibung ihm zu riskant erscheint, fragt er in der Familie herum. Sein Vater ist der Erste, den er anstellt. Kurz darauf hilft auch seine Stiefmutter, die sich um die Sendungen kümmert. Schließlich übernimmt die Schwester die Buchhaltung. Das Familienunternehmen ist komplett.

Inerhalb kurzer Zeit Marktführer in Deutschland

An einem Samstagnachmittag im Frühjahr lädt Thomas’ Vater ein. Es gibt selbst gemachten Erdbeerkuchen. Während der Kaffee noch durchläuft, erzählt er von seiner anfänglichen Skepsis gegenüber den Plänen seines Sohnes. Die Tage, in denen er damit haderte, dessen Geschäft zu unterstützen, seien wie ein "langsames Gleiten in kaltes Wasser" gewesen. Sein Leben lang habe er Drogen strikt abgelehnt. Und auf einmal verdient sein Sohn damit seinen Lebensunterhalt. Väterliche Fürsorge ist es wohl, die die Missbilligung in Akzeptanz, ja sogar in Aufgeschlossenheit umschlagen lässt.

Im Bundestag liegt ein Gesetzentwurf, der ganze Stoffgruppen verbieten würde

Fortan zerkleinert er die Chemikalien, wiegt sie ab und verpackt sie in Tütchen. Für jeden Beutel zahlt ihm sein Sohn 50 Cent. Anfangs verhält er sich noch recht unbedarft und missachtet den Ratschlag, im Umgang mit den Produkten einen Atemschutz zu tragen. Eines Abends bricht er unvermittelt in Tränen aus, starke Stimmungsschwankungen setzen ein. Sein Nasensekret hat sich bläulich verfärbt – die erste Drogenerfahrung seines Lebens.

Nach Weihnachten 2011 steigen die Verkaufszahlen in schwindelerregende Höhen. Mittlerweile müssen Dutzende Sendungen täglich abgefertigt werden. Was sich im Arbeitsaufwand abzeichnet, drückt sich im Kontostand aus. Jeden Monat ein Plus von 20 Prozent, das ist kaum verwunderlich: Je nach Stoff kann Thomas mit einer Gewinnspanne von 500 bis 1.000 Prozent rechnen. Nach weniger als einem Jahr hat das Geschäft einen Umsatz von 200.000 Euro im Monat. Glaubt man rückblickend den zahlreichen Einträgen, die sich noch immer in einschlägigen Internetforen über Thomas’ Webshop finden lassen, so wurde das Unternehmen innerhalb kurzer Zeit Marktführer in Deutschland. Aus der ganzen Welt gehen Bestellungen ein.

Während andere Unternehmer irgendwann an fehlender Nachfrage scheitern, zerbricht Thomas am Erfolg. Zunehmend leidet er unter Burn-out-Symptomen. Das Dasein als Grenzgänger zwischen Genialität und Illegalität, die Doppelrolle als Geschäftsmann mit Spitzensteuersatz und Suchtkranker seiner eigenen Handelsware: Dieses Leben zehrt zunehmend an ihm. Und die Behörden erhöhen den Druck. Heute sagt er, und das klingt so nüchtern und selbstverständlich, als ginge es um irgendeine x-beliebige Branche, der nächste Schritt hätte Lobbyarbeit sein müssen, also Einflussnahme auf die Gesetzgebung. Doch dafür reichte Thomas’ Kraft nicht. Als ihm jemand mehrere Hunderttausend Euro bietet, überlegt er nicht lange und überschreibt das Geschäft. Die Verantwortung und der Druck sind weg. Es bleiben die Symptome. Wochenlang nimmt er nach Bedarf einen Cocktail aus Stimulanzen und Beruhigungsmitteln. Bis er eines Tages allein zu Hause sitzt und Trugbilder sieht – so real, dass Thomas die Notrufnummer wählt.

Inzwischen hat die Bundesregierung einen Gesetzesentwurf auf den Weg gebracht, um den Handel, die Einfuhr, die Verbreitung und die Herstellung von Legal Highs deutlich einzuschränken. Im Juli befragte der Gesundheitsausschuss des Bundestages Suchtexperten dazu. Geplant ist, nun ganze Stoffgruppen zu verbieten. Dann würde eine minimale Veränderung der chemischen Struktur – wie auf Thomas’ Serviette skizziert – nicht mehr ausreichen, um aus einer illegalen eine legale Substanz zu machen.

Vorher wird der neue Besitzer des Webshops wohl Multimillionär sein. Thomas hat die Kehrseite der Legal Highs kennengelernt. Nach mehreren Klinikaufenthalten und einer langen Erholung von seiner durch die Drogen hervorgerufenen Psychose hat ihn ein Arzt für dauerhaft arbeitsunfähig erklärt. Arbeiten muss er angesichts seines Vermögens zwar nicht mehr. Aber was will er mit dem langen Rest seines Lebens anfangen? Tief inhaliert Thomas den nach Waldmeister duftenden Dampf seiner Elektrozigarette. Er überlegt einen Moment. Seine Antwort ist in Schwaden gehüllt: "Gesund werden."

*Name von der Redaktion geändert

ZEIT ONLINE informiert umfangreich zum Thema Alkohol und Drogen. Alle Artikel dazu finden Sie hier im Dossier "Wir gefährlich ist der Rausch?".

ZEIT ONLINE hat außerdem diese fünf Grundsätze veröffentlicht, an der sich moderne Drogenpolitik orientieren sollte. Die Vorschläge können Sie hier diskutieren oder auf Twitter unter#KlugeDrogenpolitik.

Zudem befragt ZEIT ONLINE seit drei Jahren im Rahmen des Global Drug Surveys Leser zu ihrem Drogenkonsum. Die Ergebnisse dieser weltweit größten Drogenumfrage – den ZEIT-ONLINE-Drogenbericht 2016 – können Sie hier als Kartengeschichte lesen:

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Reuters
30.000-Mal high

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Der Global Drug Survey ist die größte Umfrage unter Drogennutzern. Ein Drittel aller Befragten kamen aus Deutschland. Wer mitgemacht hat?

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Vor allem unsere Leser

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Die Daten sind nicht repräsentativ, aber hilfreich: Wie geht es Ihnen mit Drogen? Das Ziel: Wer weiß, was er tut, lebt ungefährlicher.

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Richtige Antwort. Zwar kommt es bei allen Drogen auf die Dosis an. Crack rangiert aber ganz oben, wenn es um gesundheitliche Schäden für den Einzelnen geht. Es macht abhängig und zerstört Nervenzellen. Wer Koks schnieft, ist auch nicht besser dran: Geschmacks- und Geruchsnerven verkümmern, Gefäße werden geschädigt. Auf Dauer kommen Organschäden hinzu, auch Psychosen sind mögliche Folgen.

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Richtig! So viele Menschen würden ihren Konsum im nächsten Jahr gerne reduzieren. Jeder zehnte Alkoholtrinker konnte übrigens mindestens einmal pro Monat nicht aufhören zu trinken. 13 Prozent bereuen ihr Trinkverhalten regelmäßig.

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