Ziemlich genau hier ist es gewesen. Hier hatten sie die Leute zusammengetrieben, hatten Männer, Frauen, Kinder meistbietend versteigert, hier, inmitten der Hauptstadt, in der sie so innig die Gleichheit aller Menschen priesen, betrieben sie ihre Sklavengeschäfte, direkt vor dem Amtssitz des Präsidenten. Und hier also, wo sich heute ein stolzes Monument an das nächste lehnt, lauter Säulen und Giebel, die das Erbe der großen Nation beschwören, hier wird die Geschichte nun endlich zutage treten, eine Geschichte, in der viel Gegenwart steckt.

Das beginnt schon damit, dass sich an den Pressetagen lange Schlangen bilden, einige Hundert Journalisten wollen über das neue Museum berichten, alle warten sie vor den Sicherheitsschleusen und sehen derweil zu, wie ein schwarzer Helfer die Mülltonne leert. Wie ein Schwarzer die Türen aufhält. Wie ein Schwarzer eine Ecke des Foyers durchwischt. Natürlich sind die herumstehenden Journalisten (fast) alle sehr weiß im Gesicht. Und so erzählt das Museum für afroamerikanische Geschichte von der Ungleichheit, bevor man es überhaupt betreten hat.

Noch vor zehn Jahren gab es keine Sammlung, kein Grundstück, kein Geld, und kaum jemand mochte glauben, dass es mit dem Museum je etwas werden könnte. Ein solches Haus, das von der Sklaverei berichtet, von Rassentrennung, dem langen Kampf um Gleichheit, war immer wieder gefordert und immer wieder abgeschmettert worden, mehr als hundert Jahre lang. Als es schließlich doch kommen sollte, fand man, der nötige Neubau dürfe nur zur Hälfte vom Staat bezahlt werden (anders als fast alle anderen Kulturhäuser in Washington). Davon aber ließen sich die Befürworter nicht abhalten. Sie fanden reiche Sponsoren und unerwartet viele kleine Spender, die alle ihren Teil zu den nötigen 250 Millionen Dollar beitrugen, weil sie meinten, es sei nun an der Zeit.

Wofür genau es aber Zeit ist, welche unerzählte Geschichte aufgerollt werden soll? Die der Halseisen und Peitschen natürlich. Aber sich selbst als ewige Opfer darzustellen, wäre das richtig? Die eigene, schwarze Kultur, klar, auch die wollte man zeigen. Doch das Andersartige so stark hervorzukehren, wäre das nicht eine Art betonierter Selbstausgrenzung? Wo man eigentlich gleich unter Gleichen sein möchte?

Wenn nun am Wochenende die große Feier anhebt, wenn Barack Obama aus dem Weißen Haus herüberkommt, um die Eröffnungsworte zu sprechen, und dann überall im Land die Kirchenglocken läuten sollen, so als würde nicht nur ein Museum eingeweiht, als begehe vielmehr die Nation ein hohes Glaubensfest, dann wollen sich die USA mit ihrer Geschichte versöhnen. Ein Ort der Schuld, vor allem jedoch der Heilung soll es sein, das ist jetzt oft zu hören. Durchzogen von klaffenden Selbstwidersprüchen, will es eine dunkle Geschichte ins Helle wenden. Will zeigen, dass Leid und Kampf nicht vergeblich waren.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 40 vom 22.9.2016.

Schon die Architektur scheint das zu verkörpern: verborgen hinter kunstvoll geformten Gittern, gleichwohl licht und gläsern im Kern. Entworfen hat das Museum David Adjaye, dessen Eltern aus Ghana stammen und der sich in London mit viel bestaunten Häusern einen Namen gemacht hat. In Washington wird er nun von manchen angefeindet, denn was hat er da abgestellt, mitten in der erhabenen Gedächtnislandschaft der Nation? Rundum Bauten aus Marmor, leuchtende Erhabenheit, hingegen scheint Adjayes Museum das Licht zu schlucken, dunkel getönt, ohne das übliche Tempeldekor. Aus der Ferne sieht es fast nach Mesopotamien aus, eine gestufte Pyramide, nur dass sie auf dem Kopf steht. Sie lagert nicht, sondern spreizt sich auf gen Himmel – bereit, was immer von dort kommen möge, zu empfangen.

Zur Welt hier unten schirmt sich die Fassade jedoch ab, manchmal schimmert sie golden, meistens sieht sie rostig aus. Ein Fremdkörper, stolz auf die eigene Andersartigkeit. Auf den zweiten Blick allerdings ist es nur eine vorgehängte Differenz. Ja, die Vorstellung, seine Architektur müsse eine irgendwie schwarze Identität ausbilden, löst Adjaye auf in ein heiteres Spiel mit der Eigentlichkeit. Im Grunde ist sein Museum ein banaler Kasten aus Glas, dem ist das metallische Flechtwerk nur vorgehängt, ein schmückendes Kostüm, das die Neugier schon deshalb auf sich zieht, weil sich nicht genau sagen lässt, ob es das Museum eher verhüllt oder doch offenlegt. Mal weist es die Blicke ab, mal lädt es sie ein und lässt sie hindurch, je nach Standpunkt des Betrachters. Vielleicht liegt darin Adjayes eigentliche Provokation: Sein Museum, das doch auf Wahrheit bauen soll, ist nicht so ehern wie all die anderen Ausstellungshäuser. Uneindeutig will es sein und also die eigene Fremdheit weder verleugnen noch dauerhaft zementieren.