DIE ZEIT: Herr Schulz, Sie haben das West-Berlin der 1980er Jahre in Schwarz-Weiß fotografiert. Warum eigentlich?

Christian Schulz: Das war eher aus der Not geboren. Farbfilme waren damals teuer und übrigens auch gar nicht so einfach zu bekommen. Dieses Problem hatte die DDR nicht exklusiv. Ich fand die Schwarz-Weiß-Fotografie auch besser, und die taz, für die ich arbeitete, druckte ohnehin nicht in Farbe. Heute bin ich sehr froh darüber, dass die Fotos schwarz-weiß sind.

ZEIT: Wieso?

Schulz: Schwarz-Weiß-Bilder haben eine ganz eigene Räumlichkeit, Tiefe. Ich erlebe oft, dass Menschen von Schwarz-Weiß-Porträts sehr berührt sind. Vielleicht auch, weil durch das Fehlen der Farbe die abgebildete Person noch mehr im Fokus steht, sie kommt einem noch näher. Und die Berlin-Bilder leben natürlich auch von der Aura, die die Stadt damals umgab.

ZEIT: Sie sind 1981 nach West-Berlin gekommen, mit 20 Jahren. Wie kam Ihnen diese Stadt damals vor?

Schulz: Ich hatte vorher in Itzehoe gelebt, einer Kleinstadt nördlich von Hamburg. Dort wurde so ein Spießerleben gepflegt, das damals typisch für Westdeutschland war: Vater, Mutter und Kind im Eigenheim. Das hat mich schon früh abgeschreckt. Und der Ort, an dem man diesem kleinbürgerlichen Ideal entfliehen konnte, war Berlin.

ZEIT: Ihre Bilder zeigen eine politisch sehr bewegte Zeit. Wie war das damals?

Schulz: Ungezwungen, alternativ, sehr wild. Die Hausbesetzer-Szene war extrem dominant. Es gab viele Feste, Demos und Konzerte. Ich war immerzu auf der Straße unterwegs und habe Fotos gemacht, vor allem von der linken Szene. Ich wollte in meinen Bildern aber auch die Reaktionen der alteingesessenen Menschen auf dieses alternative Leben festhalten. Da war zum Teil Ablehnung, aber auch Neugier zu beobachten. Sehr oft gab es bei Straßenumzügen zum Beispiel diese alten Herren, die aus ihren Kneipen rausgerannt kamen und gepöbelt haben. Da war aber auch die andere Seite: Ein Bild, das mir gerade wieder in die Hände gekommen ist, zeigt eine ältere Frau im Rock, die sich am 1. Mai 1982 unter die Linksautonomen gemischt hatte und ihnen Steine bereitlegte. Diese Kontraste! Die faszinieren mich noch immer.

ZEIT: Ihr Fotoband ist ein Porträt von West-Berlin, das ohne Sehenswürdigkeiten auskommt.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT-im-Osten Ausgabe Nr. 40 vom 22.9.2016.

Schulz: Als ich die Bilder gemacht habe, hatte ich solche Hintergedanken natürlich nicht. Die Fotos sind entstanden, weil ich mein Lebensgefühl in dieser Zeit abbilden wollte. Und es sind ja schon bekannte Orte zu sehen. Die Mauer zum Beispiel. Aber eben nie als Sehenswürdigkeit. Ich habe immer nur dann Bilder gemacht, wenn auch etwas passiert ist, das mich berührt hat.

ZEIT: Waren Sie damals auch mal im Osten?

Schulz: Nur ein Mal, mit zwei Freundinnen. Es zog mich nicht dorthin. Aus heutiger Sicht ist das sehr schade, aber damals hatten wir auch noch Angst, dass man drüben vielleicht verhaftet werden könnte. Erst nach der Wende habe ich dann viel in ganz Ostdeutschland fotografiert.

ZEIT: Wenn Sie heute die Bilder von Harald Hauswald sehen, überrascht es Sie dann, dass das Ost-Berlin seiner Bilder dem West-Berlin Ihrer Bilder so ähnlich ist?

Schulz: Was ich an Haralds Arbeiten bewundere, das ist, dass er die Substanz dieser Stadt so genau aufzeigen kann. Die Ruinen, den Zerfall. Und da glichen sich die beiden Teile schon sehr stark. West-Berlin war eine ziemlich runtergerockte Stadt. Nur war die Geschäftswelt bunter, weil wir türkische Läden und Kaisers- Supermärkte hatten. Aber kaputte Häuser gab es viele. Das war nicht so geleckt wie heute.

ZEIT: Sind Sie wehmütig, wenn Sie Ihre Fotos von damals heute anschauen?

Schulz: Ach, ich spüre da eigentlich ein sehr warmes Gefühl. Damals hatten wir wahnsinnig viel Freiheit. Die ging irgendwann verloren. Auch beim Fotografieren. Heute würde ich nie mehr in der U-Bahn einfach so meine Kamera nehmen und ein Bild von jemandem machen. Der würde das ja dann gleich sehen wollen oder mit mir streiten. Früher reagierten die Leute ganz anders. Sie waren viel natürlicher. Kameras sind mittlerweile allgegenwärtig. Deswegen sind auch alle darauf eingestellt. Sie nehmen sofort diese "Ich will gut aussehen"-Pose ein, durch die sich Haltung, Ausdruck und Ausstrahlung verändern. Früher hatten die Körper da mehr Selbstverständlichkeit.

Christian Schulz: Die wilden Achtziger. Fotografien aus West-Berlin. Lehmstedt Verlag, Leipzig 2016; 160 S., 24,90 €.