DIE ZEIT: Herr Hauswald, wie würden Sie einem jungen Menschen heute die achtziger Jahre in Ost-Berlin erklären?

Harald Hauswald: Ich würde ihm sagen: Ost-Berlin war die westlichste Stadt des Ostens. Man hat den Westen quasi gerochen. Es war auch der freieste Raum der DDR. Meine Erklärung dafür: Der Prenzlauer Berg – das Viertel, in dem ich seit 40 Jahren wohne – war eine vernachlässigte Gegend direkt an der Mauer, gezeichnet von Kriegsschäden. Die Wohnsubstanz war schlecht. Leute, die aus der Provinz nach Berlin kamen, haben einfach die alten Wohnungen besetzt. Die Wohnungsgesellschaften waren froh, dass überhaupt jemand diese Räume beheizte. Und es war alles sehr unübersichtlich für die Stasi. Deshalb sammelten sich alle Neuankömmlinge dort.

ZEIT: Auf Ihren Bildern sind viele dieser jungen Leute zu sehen. Lag das nur daran, dass Sie mit denen auf einem Fleck wohnten?

Hauswald: Nee, das lag daran, dass die interessant waren, anders irgendwie. Die brachen aus dem Mainstream aus, das fand ich sehr sympathisch. Die hatten andere Ideen, und das machten sie durch ihr Äußeres deutlich. Schon meine Generation hatte die üblichen Pfade verlassen, wir waren eher in der Rock- und Bluesszene zu Hause. Aber diese jungen Leute, die waren jetzt richtig Punk, es wurde alles radikaler im Ost-Berlin der Achtziger. Das hat mich wahnsinnig interessiert.

ZEIT: Sind Ihre Bilder bewusst politisch?

Hauswald: Irgendwie schon. Ich denke, dass ich zum Ausdruck bringen wollte, dass wir dieses, Pardon, Scheißsystem nicht mehr haben wollten. Die Alten schlossen damit ab, indem sie sich in ihre Nischen zurückzogen. Und wir Jüngeren glaubten, dass wir nie in die USA würden reisen dürfen. Also haben wir unsere Freiheit hier, im Osten, ausgelebt.

ZEIT: In Ihren Bildern zeigen Sie Tristesse, wo Soldaten oder Beamte stehen. Und Sie zeigen Lebensfreude, wo Menschen es sich gemütlich machen. Was bedeutet diese Diskrepanz?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT-im-Osten Ausgabe Nr. 40 vom 22.9.2016.

Hauswald: Dass die unsere Normalität war. In der DDR herrschte Papiermangel, aber bei der NVA haben wir Bäume verbrannt. Diese Widersprüchlichkeit ist doch unglaublich! Das gilt auch im größeren Zusammenhang: Das Umfeld war übel, die Menschen waren es nicht. Sie sind ein Grund, warum ich fotografiere. Ich liebe die Menschen.

ZEIT: Wussten Sie damals, dass Christian Schulz zeitgleich in West-Berlin seine Bilder machte, die wir ebenfalls hier zeigen?

Hauswald: Nein, wir kannten uns nicht.

ZEIT: Wir fragen das, weil es schon auffällig ist, dass sich Ihre Bilder und die West-Berlin-Aufnahmen von Christian Schulz in ihrer Stimmung ähneln. Waren sich Ost- und West-Berlin ähnlich?

Hauswald: Uns trennte die Mauer, aber es gab durch diese räumliche Nähe viel Austausch. Man konnte durch die Fenster hinübersehen. Niemand sah den Westen so gut wie wir in Ost-Berlin. Daher war der Unterschied vielleicht kleiner.

ZEIT: Welcher junge Mensch, den Sie fotografiert haben, war Ihnen besonders nah?

Hauswald: Nah waren mir irgendwie alle. Über das Fotografieren sind auch Freundschaften entstanden. Aber einer der Punks der Band Zerfall, die ich damals in der Rigaer Straße fotografiert habe, den habe ich Jahrzehnte später zufällig auf dem Alex wiedergetroffen: Anzug, Schlips, Mercedes-Cabrio, so stand er vor mir, inzwischen Versicherungsvertreter. Das ist übrigens der junge Mann auf dem Cover des Buchs, das jetzt erscheint.

ZEIT: Wie hat sich Berlin verändert?

Hauswald: Ich wohne an der Bornholmer Straße. Da hat sich geändert, dass dort früher ein Grenzübergang war – heute ist da ein Lidl. Daneben werden Eigentumswohnungen gebaut, in die auch Ignoranz mit einzieht: Viele Leute sind nicht mehr so solidarisch und haben vergessen, was dieses Viertel ausmachte. Es hat sich nicht nur zum Guten verändert. Aber ich will nicht jammern.

ZEIT: Gibt es Bilder, die Ihnen durch die Lappen gegangen sind?

Hauswald: Oh ja! Einmal unterhielt ich mich mit einem Freund. Der sagte: Harald, ich hab einen kleinen Jungen gesehen, in Gummistiefeln. Der stand im Regen an der Straße. Und da kam ein Hund vorbei, hob das Bein und pinkelte ihm genau in die Stiefel. Mann, hab ich gesagt: Warum erzählst du mir das jetzt? Das Bild hätte ich wirklich gern gemacht!

Harald Hauswald: Goodbye Ostberlin. Fotografien 1986 – 1989. Lehmstedt Verlag, Leipzig 2016; 112 Seiten, 19,90 €