Martin Ahrends lebt als Schriftsteller in Berlin. © Christine Oppe

Kunst sei Geschmacksache, höre ich, Politik Ansichtssache und Religion Privatsache. Das stimmt und stimmt nicht. Als ich Kind war, stritten die Erwachsenen meiner näheren Umgebung "bis aufs Messer" über die Künste, man hatte die aktuellen Romane gelesen, die Werke der bildenden und darstellenden Künste zur Kenntnis genommen und kannte sich musikalisch aus. Wenn man sich darum stritt, ging es nicht um Geschmacksurteile von Kunst-Konsumenten, sondern um Wichtigkeiten von allgemeinem Interesse.

Auf den Überblick und das begründete Urteil kam es an, wenn man bei diesen Disputen nicht als Banause durchfallen wollte. Die Kunstdebatten waren ernst gemeint, denn die Künste wurden ebenso ernst genommen, wie man sich von ihnen ernst genommen fühlte. Manches hat sich seither geändert, doch es reicht auch heute nicht aus, über Politik und Wirtschaft mitreden zu können. Auch heute gehört es in den "besseren Kreisen" zum guten Ton, etwas von Kunst zu verstehen. Warum nur? Leisten sich die Bildungsbürger hier so etwas wie ein Dessert nach dem üblichen Wettbewerb in Auskennerei: ein subjektiv schrilles Kunst-Urteil, das man wie einen Feuerwerkskörper knallen und funkeln lässt? Oder ist es doch mehr als das? Bei den Künsten geht es immer noch um wichtige Gegenstände, die zu beurteilen eigentlich den gleichen Ernst erheischt, der im politischen Gespräch erwartet wird. Die Spiegelungen der Künste haben eine ganz eigene Tiefenschärfe, wenn auch eine andere als sachkundige Expertisen. Man begibt sich aus dem privaten in den öffentlichen Raum, wenn es um die Arbeit der Künstler geht, denn ihre Werke sind – bei allen möglichen Geschmackspräferenzen – nach wie vor wichtig fürs gesellschaftliche Zusammenleben. Wichtig nicht für Kunstkenner, sondern für uns alle. Sowenig man seinen Farbvorlieben bei der Wahl einer Partei folgen sollte, so wenig kann der hedonistische Gusto ein Urteil über Kunst begründen. Und die Religion?

Dieser Artikel stammt aus Christ & Welt, den Extraseiten der ZEIT für Glaube, Geist und Gesellschaft.

Jeder solle nach seiner Fasson selig werden, der Satz gilt, aber er erklärt die Religion nicht zur Privatsache. Welcher Konfession man zugehört, ist wohl eine Entscheidung, die im privaten Raum, zumeist durch familiäre Überlieferung, getroffen wird und im öffentlichen Raum nicht infrage zu stellen ist. Aber diese Zugehörigkeit ist die Bindung an etwas Außerprivates. Eine Bindung, die im privaten wie im öffentlichen Raum kundgetan, gefeiert, zelebriert wird und eine Brücke ist zwischen beiden Räumen. Die Religion ist so wenig für den privaten Konsum bestimmt, wie es die Künste sind. Politik, Kunst und Kirche eröffnen eigene Formen, sich auf die anderen zu beziehen.