Auf die Veröffentlichung dieses Textes von Sebastian Kempkens in der ZEIT:Hamburg vom 22. September über die Zustände im Gefängnis Santa Fu gab es ein großes Medienecho. Auch der Hamburger Senat reagierte auf den Bericht: Es sollen jetzt Überstunden an Justizangestellte ausgezahlt werden, es gibt ein paar neue Stellen und der vakante Posten des Anstaltsleiters wurde wieder besetzt: Ab dem 1. November übernimmt Wolfgang Reichel, zur Zeit Richter am Oberlandesgericht, das Amt. Lesen Sie im folgenden den Bericht von Sebastian Kempkens, der den Stein ins Rollen brachte.

Es gibt keinen besonderen Anlass dafür, dass sich Markus Völker Ende August hinsetzt und alles aufschreibt. Anderthalb Seiten, kurze Sätze. Wochenlang hat er das vorher mit sich herumgeschleppt, wochenlang alles runtergeschluckt. Jetzt reicht es ihm, deshalb schickt er das Schreiben an die ZEIT, deshalb stimmt er einem Treffen zu. Er, der seit Jahrzehnten in Hamburger Gefängnissen arbeitet, der laut Beamtengesetz zu Verschwiegenheit verpflichtet ist, der Personalverantwortung trägt und sagt, dass er seinen Job liebt.

Die anderthalb Seiten werden zu einer Anklage:

"Die JVA Fuhlsbüttel steht vor einem Kollaps. (…) Die Sicherheit der Bediensteten und der Gefangenen ist in Frage gestellt. (…) Notwendige Sicherheitskontrollen können aufgrund der personellen Lage nicht durchgeführt werden. Der Sicherheitsstandard wird immer geringer. (…) Die ehemals gut geführte Anstalt versinkt im Chaos. (…) Es ist eine Frage der Zeit, wann es in der JVA Fuhlsbüttel zum Super-GAU kommt."

Einige Tage später sitzt Völker vor einem Döner-Laden nahe dem Fuhlsbütteler Gefängnis, trinkt Filterkaffee und raucht. Er ist nervös, spricht leise, obwohl niemand da ist, der das Gespräch belauschen könnte. Völker bittet darum, in diesem Text ein Pseudonym zu bekommen.

"Halten Sie mich für einen Verräter?", fragt er. "Ich kann es nicht mehr mit ansehen, deshalb mache ich das hier."

Mit ansehen, damit meint er den Häftling, der ihm kürzlich mit dickem Veilchen gegenübertrat und sagte, er sei nur gegen die Kühlschranktür gelaufen.

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 40 vom 22.9. 2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Er meint diesen anderen Insassen, der sich manchmal nicht mehr aus seiner Zelle traut, aus Angst vor den Muskelprotzen, die vor der Tür warten und Geld für Drogen eintreiben.

Und er meint seine Kollegen, die die Situation nicht mehr aushalten und "den Gelben ziehen", wie sie in der JVA sagen, wenn sie den Krankenschein einreichen. Oft heißt das: Kapitulation.

Völkers Erzählungen lassen einen seltenen Blick hinter Hamburger Gefängnismauern zu, in eine verschlossene Welt. Die Welt hinter diesen Mauern drohe ihre Ordnung zu verlieren, fürchtet Völker. Die schwachen Häftlinge litten, die starken gewönnen an Macht. Das Personal sei überfordert und ausgebrannt, es könne die Insassen nicht mehr schützen, sich nicht mehr gut um sie kümmern, sie kaum noch auf ihr Leben nach dem Knast vorbereiten. Markus Völker hat eine jahrzehntelange Laufbahn hinter sich, hat fast alle Gefängnisse der Stadt von innen gesehen – aber so eine Lage wie derzeit habe er noch nicht erlebt. "Wir gehen auf dem Zahnfleisch", sagt er. Und Völker ist nicht allein: Weitere JVA-Beamte bestätigen seine Kritik.

In Hamburger Gefängnissen fehlen seit Jahren Mitarbeiter, 80 bis 100 sind es Schätzungen zufolge zurzeit. In Fuhlsbüttel, wo Völker arbeitet, ist jede zehnte der etwa 220 Stellen unbesetzt. Hinzu kommt, dass zuletzt rund 15 Prozent der Belegschaft krankgemeldet waren. Das heißt: Regelmäßig steht ein Viertel der eigentlich nötigen Belegschaft nicht zur Verfügung.

Die JVA Fuhlsbüttel ist ein besonderes Gefängnis. Weil "Santa Fu" der wohl bekannteste Knast der Stadt ist. Und weil hier die schweren Fälle sitzen: Rund 300 Männer, geschlossener Vollzug, Freiheitsstrafen von mindestens drei Jahren. Langzeithäftlinge, bei denen die Frage entscheidend ist: Schaffen es Völker und seine Kollegen, ihnen genug mitzugeben, um sie am Ende halbwegs gefestigt in Freiheit zu entlassen? Oder zieht die Zeit hinter Gittern sie noch tiefer ins kriminelle Milieu beziehungsweise in den Drogensumpf?

Spricht man Bernd Maelicke auf die Situation in Fuhlsbüttel an, raunt er gleich ins Telefon: "Ja, darüber müssen wir reden." Maelicke ist einer der renommiertesten Gefängnisexperten Deutschlands, war lange Ministerialdirigent für Strafvollzug in Schleswig-Holstein. Inzwischen ist er Pensionär, arbeitet aber weiter, verschickt Stellungnahmen, gibt Interviews.

Die personellen Probleme, sagt Maelicke, hätten eine fatale Folge: Der Druck steige. "Im Knast ist alles Treibsand", sagt der 75-Jährige. Überall lauerten Fallen, könnten sich verhängnisvolle Fehler einschleichen, gerade wenn die Mitarbeiter überlastet seien. "Sie müssen den Druck auf möglichst viele Schultern verteilen." In Hamburg aber gebe es seit geraumer Zeit viel zu wenige Schultern.