Wer milliardenschwere Mandanten berät, den sollte man nicht warten lassen. Shermin Voshmgir kommt an diesem sonnig-kühlen Berliner Morgen trotzdem fast zu spät. In legerem Strickpullover und Jeans betritt sie das Hochhaus gleich hinter dem Kurfürstendamm. Die vierte Etage füllt DLA Piper aus, eine der weltweit größten Anwaltskanzleien. Voshmgir trägt ihre angegraute Mähne in einem simplen Dutt gebändigt, am rechten Handgelenk zeugt ein hellblaues Bändchen vom Konzertbesuch der Rockgruppe Garbage. Die beiden Anwälte duzt die IT-Expertin gleich und erklärt in Wiener Zungenschlag selbstbewusst: "Das Internet hat den Zugang zu Informationen revolutioniert. Blockchain wird den Wertaustausch revolutionieren."

Dafür will Shermin Voshmgir sorgen. Rund um die Blockchain-Technologie, die auf endlosen Ketten digitaler Datensätze beruht, ist ein Hype entbrannt, der vor allem die Finanzbranche in Aufruhr versetzt. Denn das neue Software-System stellt klassische Geschäftsmodelle von Grund auf infrage. Es verspricht eine Welt, in der Transaktionen ganz ohne Banken oder Bargeld, billiger und sicherer für die Nutzer ablaufen werden.

Aber die Vision der Wiener Wirtschaftsinformatikerin Voshmgir ist noch kühner: Firmen ohne Führungskräfte und Länder ohne Beamte schweben ihr vor. Das klingt nach Utopien. Für Voshmgirs Zuhörer sollen es aber keine bleiben. Sie berät Regierungen und hält Uni-Vorträge, sie vernetzt Gründer sowie Investoren, und als Keynote-Speakerin ist die 1974 geborene Frau mit dem sattroten Lippenstift auf Konferenzen von Shanghai bis Alpbach gefragt. Mit ihrem Berliner BlockchainHub und global verteilten Partnerbüros versucht Voshmgir, neue Anwendungen voranzubringen. "Aber du musst das Ganze vorher mit Lizenzverträgen auf juristisch sicheren Boden bringen", warnen ihre Gesprächspartner im Anwaltsbüro vor der rechtlichen Grauzone, in der die Technologie bislang steckt. Voshmgir nimmt hastig einen Schluck von ihrem schwarzen Kaffee und erwidert: "Ich hoffe nur, dass die Bürokratie dafür so lean wie möglich ist."

Anglizismen wie lean, also schlank, verwendet Voshmgir häufig, sie spricht von neuartigen Unternehmensformen wie Holocracy oder Smart Contracts. "Versteht ihr, was ich meine?", fragt sie immer wieder. Sie weiß, dass sie Gefahr läuft, ihre Zuhörer schnell abzuhängen, wenn sie sich auf dem Neuland zu forsch vorwärtsbewegt. Denn bei aller Aufregung um die Blockchain-Technik ist es bislang nur ein kleiner Zirkel von Cyber-Eingeweihten, der Voshmgirs Ausführungen wirklich folgen kann.

Vereinfacht gesagt, handelt es sich bei Blockchain um eine quasi endlose Kette digital verbundener Kassenbücher. Jede Transferaktion wird in der Datenbank aufgezeichnet und ist für jeden einsehbar, aber verschlüsselt und fälschungssicher.

Dieser Artikel stammt aus der Österreich-Ausgabe der ZEIT Nr. 40 vom 22.9.2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Die ersten Anwendungen von Blockchain sind Kryptowährungen wie Bitcoin und Ethereum. Sie ermöglichen Überweisungen direkt zwischen den Nutzern über das Internet, ohne Abwicklungsstellen wie Banken oder Börsen. Das schweizerische Zug akzeptiert als erste Stadt der Welt die digitale Geldeinheit als Zahlungsmittel, die US-Investmentbank Goldman Sachs spricht in einer Studie von einem "Megatrend", der die "Zukunft des Finanzwesens" prägen werde.

Aber Blockchain, so ist nicht nur Shermin Voshmgir überzeugt, soll noch viel mehr können. Schweden testet Grundbucheinträge mittels der Software, Australien den Solarstrom-Handel (ZEIT Nr. 3/16). In Griechenland und Honduras hofft man, mit der Anwendung die korrup- tionsanfällige Staatsbürokratie in den Griff zu bekommen. Notare und Juristen könnten überflüssig und Behördengänge, Testamente, sogar Eheschließungen virtuell ausgelagert werden. Selbst Blockchain-Wahlen, bei denen jeder nachvollziehen kann, ob seine Stimme gezählt wurde, stehen im Raum.

Dass das Verfahren auch Kritiker kennt, ist Voshmgir bewusst. "Ich weiß ja, dass wir uns damit momentan im legalen Wilden Westen befinden", sagt sie zu den Anwälten in Berlin.

Im Auftrag der Technologiestiftung Berlin hat die Wirtschaftsinformatikerin im vergangenen Jahr für einen fünfstelligen Betrag eine Studie verfasst. Derzeit berät sie Estland, einen Vorreiter bei E-Government, bei neuen Vorhaben – in diesem Fall pro bono. In der Regel liegt ihr Tagessatz bei stattlichen 2.400 Euro netto.

Statt in einem repräsentativen Büro hat Shermin Voshmgir ihren Schreibtisch dennoch lieber in einem Coworking-Space in Kreuzberg angesiedelt, dort, wo die Berliner Start-up-Szene ihre Wiege hat. Nach dem Gespräch in der großen Anwaltskanzlei setzt sie sich auf die Wendeltreppe vor ihrem Arbeitsplatz, blinzelt der Sonne entgegen und sagt: "Wenn ich eine Idee habe, stehe ich nicht still, bis ich sie umgesetzt habe." 2009, als sie nach Berlin kam, habe sie gleich gespürt: "Das ist meine Stadt. Hier darf ich alles sein und muss mich nicht auf eine Schublade beschränken".