DIE ZEIT: Herr Schwenker, Ihre Firma, die Unternehmensberatung Roland Berger, unterstützt auch Behörden wie das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. Seit einem Jahr kümmern Sie sich gemeinsam mit Ihrer Frau um einen Flüchtling: Ali Mirzaei, 22, aus Afghanistan. Hat das Ihre Perspektive verändert?

Burkhard Schwenker: Konzeptionell nicht. Aber meine Sicht auf die gesellschaftliche und menschliche Herausforderung hat sich verändert, man könnte auch sagen: dramatisiert. Flüchtlinge brauchen viel mehr Hilfe in den alltäglichen, praktischen Dingen, als ich dachte. Behördengänge, Deutsch lernen, Wohnung und Job finden. Und vor allem: persönliche Zuwendung! All die konzeptionellen Überlegungen über Integration bringen nichts ohne die intensive Betreuung durch Freiwillige.

ZEIT: Braucht jeder Flüchtling einen Paten?

Schwenker: Ich glaube schon. Für Flüchtlinge ist hier alles anders: Sprache, Kultur, Arbeitswelt, Technologie. Das würde auch jeden von uns überfordern. Bei vielen Flüchtlingen kommen dazu die schlimmen Erfahrungen, die sie in ihren Heimatländern oder auf der Flucht gemacht haben. Sie brauchen ganz persönliche Unterstützung.

ZEIT: Der Staat müsste offen eingestehen: "Allein schaffen wir es nicht – Bürger, helft uns"?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 41 vom 29.9.2016.

Schwenker: Ja. Die Flüchtlingskrise konnte in dieser Form niemand voraussehen. Nun müssen wir alle mit der Situation umgehen. Von Anfang an wurde ja schon viel durch Ehrenamtliche geleistet. Der Staat allein kann das nicht schaffen – das sollte er viel offener kommunizieren.

ZEIT: Die hohe Zahl der Flüchtlinge ist außergewöhnlich. Aber in den Behörden regiert zum Teil auch das Chaos.

Schwenker: Behördenbashing halte ich nach meinen Erfahrungen sowohl mit Ali als auch in der Beratung für falsch – jeder bemüht sich! Aber, ja, die Koordination der Daten zwischen den einzelnen Institutionen muss deutlich besser werden. Und die Prioritäten müssen klarer formuliert werden. Was ich zum Beispiel nicht verstehe, ist der komplizierte Zugang zu Sprach- und Integrationskursen, solange das Asylverfahren läuft. Damit schadet man den Flüchtlingen und uns als Gesellschaft. Alle Asylbewerber sollten direkt nach ihrer Ankunft Sprachkurse besuchen können.

ZEIT: Auch jene, die mit großer Wahrscheinlichkeit wieder abgeschoben werden? Man könnte auch sagen: Davon hat Deutschland nichts außer hohen Kosten.

Schwenker: Ich sehe das anders. Über die Sprache wird auch Kultur vermittelt, sie ist der Schlüssel zu allem. Jeder verschenkte Tag rächt sich später, weil er die Integration erschwert. Selbst wenn ein Drittel der Leute Deutschland wieder verlassen und man ihnen sozusagen "umsonst" Deutsch beigebracht hat, wird es sich beim Rest auszahlen. Denken Sie daran, wie in den Heimen mit jedem Tag der Frust steigt. Bei Ali war es zum Beispiel so, dass er sich hilflos fühlte, sich einer unverständlichen Maschinerie ausgeliefert sah. Nach großer Motivation am Anfang fiel er in ein Loch, als er das Gefühl bekam, monatelang gehe nichts voran. Das war der Zeitpunkt, als wir ihn kennengelernt haben.

Flüchtlinge - Einstieg mit Hindernissen Die Arbeitsmarktintegration von Flüchtlingen läuft eher schleppend. Wo die Probleme liegen und dass es trotzdem klappen kann, zeigt das Beispiel eines mittelständischen Betriebs in Brandenburg. © Foto: ZEIT ONLINE

ZEIT: Wie ging es dann weiter?

Schwenker: Heute macht er eine Ausbildung zum Rohrleitungsbauer. Aus Afghanistan kannte Ali unser Ausbildungssystem nicht. Er hatte zu Hause im Straßenbau gearbeitet und dachte: Das kann ich, ich kann einen Caterpillar fahren, das mache ich hier jetzt auch. Ihm verständlich zu machen, warum bei uns eine Ausbildung wichtig ist, hat seine Zeit gebraucht. Alis Frage war: Warum? Ich kann das ja schon. Sein zweiter Punkt lautete: Da verdiene ich ja viel weniger als andere, die einfach nur auf der Baustelle arbeiten. Das waren ganz klassische Erziehungsthemen, die man schlecht an Behörden delegieren kann.

ZEIT: Wie verlief die Suche nach einem Ausbildungsbetrieb?

Schwenker: Das Ausbildungszentrum für Bauwirtschaft der Handwerkskammer Hamburg hat extrem geholfen. Trotzdem: Jobcenter, Agentur für Arbeit, Ausländerbehörde, Bezirksämter müssen koordiniert werden – für einen, der neu in Deutschland ist, ist das kompliziert. Für die Betriebe, bei denen Ali sich vorgestellt hat, war auch wichtig: Er ist nicht "nur Flüchtling", sondern hat im Hintergrund uns, die ihn unterstützen. Das alles hat mir gezeigt, wie schwierig es für Flüchtlinge sein muss, die mehr oder weniger auf sich allein gestellt sind.

ZEIT: Die Skepsis der Betriebe überrascht nicht, Ausländer brechen ihre Ausbildung in Deutschland überproportional oft ab.