Die Kunst der Gegenwart liebt den Übersprung. Wer heute Video macht, der machte gestern Performance, der macht morgen bestimmt Gesang oder ganz etwas anderes. Schließlich soll sich der Künstler immerzu neu erfinden, fast so, als komme es auf seine Werke nicht weiter an, weil er selbst ja das wichtigste aller Artefakte ist. Auf dauerbewegliche Weise soll dieses Artefakt noch einmal allen zeigen, wie unausschöpflich die Kunst doch sei.

Fast ausgestorben ist hingegen: Selbsttreue. Fast vergessen: Genügsamkeit. Vielleicht aber gerade deshalb schauen jetzt viele auf die Geschichte der Carmen Herrera. Sie trägt ins Heute hinein, was so lange als verloren galt.

Carmen Herrera ist eine Malerin, vor allem aber ist sie alt. Geboren in Havanna, elf Jahre vor Fidel Castro, damals, als in Europa der Erste Weltkrieg in Schwung kam und bald auch Kuba hineingezogen wurde. Ein Kind des Jahres 1915, eine Frau, die erst Architektur studierte, dann aber der Malerei verfiel, die mit ihrem Mann nach Paris ging, später nach New York und die nie berühmt war, obwohl sie es hätte sein können. Die abgekapselt in ihrer kleinen Wohnung in Manhattan vor sich hin arbeitete und ihr erstes Bild erst verkaufte, als sie gerade 90 geworden war. Herreras Geschichte ist eine des Überdauerns: Wer lange genug durchhält, den wird das Glück schon finden.

Heute, 101 Jahre alt, blickt sie zurück auf die eine oder andere kleine Ausstellung, in Birmingham oder Kaiserslautern. Vor allem aber darf sie sich rühmen, nun endlich ganz oben angekommen zu sein, im Kanon der amerikanischen Kunst. Noch vor Kurzem wollte sie endlich ausmisten, ihr Mann war gestorben, es schien an der Zeit, den Keller mit all den Leinwänden aufzuräumen und zu leeren. Jetzt balgen sich die wichtigsten Museen, das MoMA, die Tate, um die beinahe entsorgten Werke. Und das Whitney Museum in New York gönnt Herrera in seinen neuen Räumen eine Retrospektive, die eindrucksvoller kaum sein könnte.

Andere Künstler hätten sich vielleicht gefürchtet. Zwei, drei gute Bilder haben ja viele gemalt, aber was passiert, wenn plötzlich 50 zusammenkommen? Hält die Kunst das aus? Oder wirkt sie in der Masse entwicklungsarm? Einem abstrakten Œuvre wie dem der Carmen Herrera droht nicht selten Selbstverödung.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 41 vom 29.9.2016.

Doch hoch unterm Dach des Whitney verfliegt die Gefahr. Die Bilder, an denen die meisten Besucher wohl stracks vorbeigingen, wenn sie vereinzelt in der regulären Sammlung auftauchten, weil auf ihnen nicht viel zu sehen ist, nur ein paar sehr rote, sehr grüne oder auch sehr blaue Flächen, streng zurechtgeschnitten, doch ohne tieferes Effektverlangen, diese geometrischen Figuren beginnen sich gegenseitig zu beleben. Vielleicht brauchen sie sogar den Schutzraum, brauchen klar begrenzte Ruhe, denn nur hier kann sich ihre Raffinesse entfalten.