Frage: Sie schreiben ein 600-Seiten-Buch über einen Papst, der vor 77 Jahren starb. Was ist so wichtig an ihm?

David I. Kertzer: Die vatikanischen Archive zu dieser Periode wurden erst 2006 geöffnet. Nach all den Debatten über das Verhältnis des Vatikans zum Staat ist es für einen Historiker, der darüber schon gearbeitet hat, natürlich aufregend, seine Forschungen zu vertiefen.

Frage: Und warum sollte man das lesen?

Kertzer: Jeder europäische Staat hat sein eigenes Verhältnis zur Geschichte jener Zeit. Italien und die katholische Kirche haben diese Geschichte in weiten Teilen verleugnet. Mit dem Blick auf die vatikanischen Archive sollten einige der Kontroversen beigelegt werden können.

Frage: Der feinsinnige Pius XI. und der brutale Mussolini waren grundverschieden. Vor allem war Mussolini ein radikaler Gegner des Klerus.

Kertzer: 1904 veröffentlicht er einen Aufsatz unter dem Titel: "Gott existiert nicht". Auf Französisch! Er war nicht dumm! Manchmal vergleicht man ihn mit Donald Trump, aber damit tut man ihm Unrecht.

Dieser Artikel stammt aus Christ & Welt, den Extraseiten der ZEIT für Glaube, Geist und Gesellschaft.

Frage: Wem?

Kertzer: Mussolini! Aber das vertiefen wir jetzt nicht. Also, beide kamen 1922 an die Macht. Ansonsten waren sie denkbar verschieden, in ihrer Herkunft wie in ihrer Persönlichkeit. Mussolini hatte einen extrem antiklerikalen Hintergrund, er war ein gewalttätiger Schläger. Der Papst war Gelehrter, er war Bibliothekar gewesen; Gewalt war ihm unsympathisch, und er machte sich keine Illusionen über Mussolini. Beide brauchten etwas und dachten, sie bekommen es vom anderen. Ihre Beziehung basierte auf Zynismus.

Frage: Wieso war der Papst zynisch?

Kertzer: Weil er eine Allianz mit Mussolini einging, von dem er wusste, dass er nicht religiös war. Der Papst wollte Italien rekatholisieren, das, wie er glaubte, unter der modernen demokratischen Regierungsform gelitten hatte. Mussolini hatte keine religiösen Interessen, aber er brauchte die Unterstützung des Papstes. Keiner machte sich Illusionen, jeder wollte den anderen ausbeuten.

Frage: Vor dem Hintergrund des Holocaust interessiert vor allem das Verhältnis Achille Rattis, des späteren Papst Pius XI., zu den Juden. War er Judenfeind?

Kertzer: Er nahm die typisch katholische Judenfeindschaft seiner Zeit in sich auf. Das antisemitische Ehegesetz von 1938 lehnte er ab, weil er in ihm einen Versuch Mussolinis sah, Hitler zu gefallen. Mit dem Nazi-Rassismus hatte er wirklich Probleme, da der für ihn gegen das verstieß, was Kirche ausmachte. Das Konzept Rasse interessierte ihn nicht.

Frage: Was wollte Mussolini?

Kertzer: Er wollte die Italiener auf die Allianz mit Hitler einstimmen. Was nicht einfach war: Im Ersten Weltkrieg waren eine halbe Million Italiener gefallen, ebenso viele waren zu Invaliden geworden. Und Hitlers Rasse-Ideal bezogen die Italiener nun mal nicht auf sich. Hätte sich die Kirche gegen die Rassen-Kampagne gestellt, wäre das ein Desaster für den Duce geworden. Deshalb entwarf er eine geheime Abmachung mit dem Papst, um ihn davon abzuhalten, die antisemitische Kampagne zu kritisieren.