Im Herzen Mönchengladbachs, neben den staubigen Tennisplätzen des TG Blau-Weiss Meer und der Ernst-Reuter-Sportanlage, wo kleine Jungs und Mädchen schreiend den Bällen hinterherjagen, steht eine große Industrieanlage. Riesenhafte Zylinder, Pressen, meterlange Schrauben und Kurbelwellen werden hier gebaut, tonnenschwer und stahlgrau glänzend. Teile für Anlagen zur Stahlverarbeitung. Für Fabriken in Abu Dhabi, Russland, China oder Völklingen im Saarland. 1400 Mitarbeiter der SMS Group produzieren im Werk in Mönchengladbach wuchtige Präzisionsmaschinen, passgenau auf Zehntelmillimeter.

Christian Rauf, 29, trägt ein dunkelblaues Poloshirt, Jeans und Sicherheitsschuhe. Er steht in der Fertigungshalle des Anlagenbauers, milchig-weißes Sonnenlicht bricht durch die Deckenfenster, es riecht nach Lack und Schmierstoffen. Der Maschinenbauer ist dafür zuständig, dass die Facharbeiter wissen, welche Teile täglich zu fräsen und zu montieren sind, welche Aufträge schnell zu erledigen sind und welche noch Zeit haben. Besonders viel ist zurzeit nicht zu erledigen.

Die SMS Group, einer der Weltmarktführer für den Bau von Walzen und Pressen, 14.000 Mitarbeiter weltweit, konnte 2015 zwar Aufträge im Wert von 2,7 Milliarden Euro verbuchen. Vor acht Jahren waren es aber noch über 5 Milliarden. Der Stahlbranche geht es schlecht. Im Anlagenbau der SMS Group sollen in Deutschland bis Ende 2017 nur noch gut 4.000 Angestellte arbeiten – 1.200 weniger als 2014.

Weil das Kerngeschäft schwächelt, muss der Umsatz woandersher kommen. Wie soll das gehen?

Die Antwort soll die "Digitaleinheit" bringen. Eine neu gegründete Unternehmenstochter. Sie wird die "digitale Transformation" anstoßen und dem Traditionsunternehmen helfen, die Stahlkrise zu überstehen. Mit dabei sind auch Unternehmensberater von etventure, einer Beratergesellschaft aus München, die helfen sollen, die neue Tochterfirma "SMS digital" aufzubauen. Berater wie Matthias Potthast, der mit polierten braunen Lederschuhen neben Christian Rauf durch die Halle schlendert. Berater, die bei der Beschreibung der digitalen Transformation von Geschwindigkeit sprechen, von Pain-Points beim Kunden und Digital-Tools, mit denen man die wunden Punkte behandeln will.

Aber wofür steht diese Worthülse, "digitale Transformation" – und was bringt sie einem Stahlverarbeiter am Niederrhein?

Dagmar Dirzus vom Verein Deutscher Ingenieure (VDI) versucht es so: "Die digitale Transformation beschreibt einen Prozess. Es geht um die Auswertung großer Datenmengen, die beispielsweise bei Produktionsvorgängen in Fabriken anfallen. In den Daten kann man ablesen, welche Maschinen unsauber arbeiten, und die Fehler beheben. Es geht einfach um die Steigerung der Effizienz."

50 Fallbeispiele hat der VDI dokumentiert, in denen Big Data den Anwendern mehr Leistung oder geringere Produktionskosten brachte. Damit will man die Skeptiker im deutschen Mittelstand überzeugen. Die Beispiele kommen aus der Chemieindustrie, dem Maschinenbau, dem Bergbau, der Telekommunikation oder der Lebensmittelindustrie und vielen anderen Bereichen:

Ein Chemieunternehmen, das täglich 40 Tonnen Superabsorber für Windeln und Damenbinden herstellt, hatte Probleme mit der Qualität des Stoffes, sobald die Produktionsgeschwindigkeit erhöht wurde. Durch die Auswertung von Daten, die während der Produktion erhoben wurden, wurden die Herstellungskosten um neun Prozent gesenkt und die Produktion von Windeln und Binden maximiert. "Es ist zwar ein bisschen Aufwand, aber es lohnt sich. Sie müssen die richtigen Daten finden und analysieren. Dann können Sie unternehmerische Schlüsse daraus ziehen", sagt Dagmar Dirzus.

Das hat auch die SMS Group erkannt und deshalb den digitalen Umbau in Angriff genommen. In der Fertigungshalle in Mönchengladbach ist Schichtwechsel. Ein greller Ton gibt das Signal. Männer mit Schnurrbärten und kräftigen Armen trotten grüppchenweise zum Ausgang, und auch Potthast macht sich auf den Weg. Mit seinem Smartphone öffnet er ein DriveNow-Auto und düst über die Autobahn in Richtung Osten. Vorbei an Rübenfeldern, Dörfern und Gehöften.