Potthast steuert den Wagen in den Düsseldorfer Osten, nach Flingern, einem alten Arbeiterstadtteil, den die Gentrifizierung langsam verwandelt. In einer ehemaligen Seifenfabrik, einem roten Backsteinbau, arbeiten Mitarbeiter der SMS Group und etventure zusammen in der Digitaleinheit.

Potthast fährt in den obersten Stock. Die Fahrstuhltür öffnet sich, und vor ihm liegt ein loftartiges Büro. Couch und Sessel in der Mitte, an den Rändern große weiße Schreibtische. "Willkommen in der Kreativwerkstatt SMS digital, dem geschützten Raum", sagt sein Chef Andreas Stark, der für die Unternehmensberatung etventure das Projekt leitet.

Hier arbeiten die Unternehmensberater und SMS-Mitarbeiter an Lösungen für die alltäglichen Probleme der SMS-Kunden: Wenn in einer Stahlpresse beispielsweise ein Rückschlagventil kaputtgeht, dann liefert das Unternehmen den passenden Ersatz. Doch um das fehlerhafte Teil überhaupt zu finden, müssen die Mechaniker auf analogen Zeichnungen suchen, sich stapelweise durch Ordner blättern, und die Produktion muss derweil ruhen.

"So ein Problem lässt sich schnell mit einem Digital-Tool beheben", sagt Andreas Stark. Alle Zeichnungen, Pläne und Anleitungen hat sein Team auf einem Onlineportal gesammelt. Kunden können sich durch die Pläne der Maschinen klicken, sich Einzelteile in den komplizierten Zeichnungen anzeigen lassen und über eine Expertenplattform den richtigen Fachmann für ihre defekte Maschine finden. "So sieht die Digitalisierung aus", sagt Stark und grinst. Derzeit ist die Onlineplattform in der Testphase. Eine Handvoll Kunden soll sie ausprobieren, kritisieren, damit sie verbessert werden kann, bis alle mit ihr zurechtkommen.

"Bis man so ein Tool entwickelt, braucht es rund ein Dutzend Kundeninterviews. Wir suchen nach den Pain-Points, wollen die Abläufe sämtlicher Abteilungen kennen, wissen, wo es hakt", sagt Stark. Nicht jeder Kunde sei angetan von der vielen Fragerei. Manche hätten Angst, ihnen würden Betriebsgeheimnisse entlockt. "Häufig ist das der letzte Vorsprung, den unsere Kunden noch vor ihren Mitbewerbern haben, da sind sie natürlich vorsichtig." Auch die Arbeitsweise für die Entwicklung der digitalen Geschäftsideen sei für viele Kunden schwer nachzuvollziehen. Dennoch holen sie sich die Unternehmensberatungen häufiger denn je ins Haus. Im letzten Jahr erzielte die Beraterbranche mit 27 Milliarden Euro einen Rekordumsatz. Für 2016 rechnet sie mit einem zusätzlichen Plus von 7,5 Prozent. Die größten Wachstumsschübe erwarten die Unternehmensberatungen in den Segmenten, die auch wichtig für die digitale Transformation sind: bei IT-Anwendungen oder der Innovationsentwicklung. Besonders das verarbeitende Gewerbe wie der Fahrzeug- oder Maschinenbau hat mehr Beratung in Anspruch genommen.

Unternehmensberatungen wie McKinsey, die Boston Consulting Group, Roland Berger oder auch die Wirtschaftsprüfer von Deloitte haben längst Digitallabore und sogenannte Modellfabriken gegründet, wo sie die neuen digitalen Geschäftsideen vorführen können. Mit ehrgeizigen Zielen: Auf der Internetseite von Terra Numerata, der Digitaleinheit von Roland Berger, prangt die Nachricht: "Keines der Top-20-Internet-Unternehmen kommt aus Europa. Das zu ändern ist unser Ziel."

Auch Deloitte Deutschland hat seine Consultingsparte auf die Nachfrage nach digitaler Transformation angepasst. Im September 2014 wurde die Deloitte Digital GmbH gegründet. Schon jetzt trägt das Beratergeschäft mit knapp 230 Millionen fast so viel zum Jahresumsatz der Deloitte-Gruppe in Deutschland bei wie das Kerngeschäft der Wirtschaftsprüfung (284 Millionen). Für 2016 rechne man mit einem Wachstum von über 20 Prozent in der Beratersparte. Im Vorstand habe mittlerweile jeder verstanden, dass an der Digitalisierung kein Weg mehr vorbeiführe, sagt Nikolay Kolev, Partner bei Deloitte Digital.

Diese Einsicht aber ist noch nicht selbstverständlich. Eine Studie des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim kommt zu dem Schluss, dass sich ein Drittel der deutschen Mittelständler derzeit nur im Grundstadium der Digitalisierung befinde und zum Teil nicht einmal über einen eigenen Internetauftritt verfüge. Was aber auch deutlich wird: Der Mittelstand will investierten, rund zehn Milliarden Euro jährlich geben die Unternehmer für digitale Veränderungen aus.

Bei Christian Rauf, in der Fertigungshalle in Mönchengladbach, ist die Zukunft noch nicht angekommen. Er sitzt in seinem Büro und druckt stapelweise Papierseiten aus: Montageaufträge für die Facharbeiter. Jeden Morgen geht er durch die Halle und klebt die Zettel an die Drehbänke und Werkzeugschränke. Ab und zu verlieren die Arbeiter solche Zettel. Dann kommen sie wieder zu Rauf und lassen sich einen neuen Ausdruck geben. "Das ist Wahnsinn, das kostet viel zu viel Zeit. Damit verlieren wir Stunden", sagt er. Zum Glück wird das nicht so bleiben.