Nein, einen Faktencheck wollte er nicht, auf so eine krumme Sache mochte sich Donald Trump vor seinem TV-Duell mit Hillary Clinton gar nicht erst einlassen. Er hatte dafür seine Gründe. Denn Trump, das weiß man nun, verbreitet Lügen, die sich anfühlen wie Wahrheit. Für ihn sind Fakten wie alte Möbel: Wenn sie im Weg stehen, kommen sie in die Rumpelkammer. Fakten machen schlechte Laune. Fakten sind unpatriotisch.

Trumps Verhältnis zur Wahrheit ist keine Nebensache im amerikanischen Schicksalswahlkampf. Es geht nicht um die Sonntagsfrage "Dürfen Politiker lügen?", es geht um alles: Wer Trump versteht, seinen Affekt gegen Tatsachen und Sachverhalte, der versteht das Geheimnis seiner Wirkung und die Logik seines politischen Rezepts. Es ist ein Rezept, das fast alle Rechten anwenden, auch in Deutschland, und es lautet: Man muss behaupten, dass nicht Fakten zählen, sondern Gefühle. Man muss Tabus brechen und sagen, das Volk sei wichtiger als die Verfassung, und später muss man alles dementieren. Wenn dann alle glauben, es gebe keine Realität mehr, nur eine gefühlte Wirklichkeit, dann hat die Rechte freies Feld, und das Spiel läuft nach ihren Regeln. In der postfaktischen Gesellschaft gewinnt nicht das starke Argument, sondern der starke Auftritt – der Wille zur Macht.

Donald Trump lügt also nicht, wenn er sagt, Fakten seien überschätzt und nicht weiter entscheidend. Trump war Starmoderator in seiner eigenen Realityshow, und er glaubt tatsächlich, dass Medien die Realität nicht abbilden, sondern durch Inszenierung erzeugen. Für ihn gibt es in der Medienrealität keine Fakten, es gibt nur Interpretationen, und selbst wenn sie falsch sind, so wirken sie doch echt. Trump weiß: Das Einzige, was zählt, ist die Sexiness der Emotion – starke Bilder, großes Spektakel und tolle Atmosphäre. Nur Klugscheißer glauben, Medien seien Orte von Wahrheit und Aufklärung. Medien sind Mythenmaschinen. Sie erzeugen eine gigantische Blase, einen alles überwölbenden symbolischen Raum. Und wer in diesem Raum den mächtigsten Mythos unters Volk bringt, der hat gewonnen – und wird Präsident.

Trump ist ein Genie des Marketings, mit Mythen kennt er sich aus. Er ist Autor des Buches The Art of the Deal und weiß: Um eine Ware loszuwerden, die vielleicht kein Mensch braucht, muss man sie begehrenswert machen, man muss sie mythisieren – durch eine Verheißung, ein Gefühl, eine kulturelle Aura. Der Kunde kauft nicht die kalte Faktizität der Ware, er kauft den mythischen Raum, der diese Ware umgibt.

Genauso verfährt Trump. Auch ihn braucht kein Mensch, und jetzt jubelt man ihm zu. Er hat einen Mythos geschaffen, in den enttäuschte Bürger eintauchen und mit dem sie ihre Gefühle verschmelzen können. Es ist der Mythos von einer Nation, in der der Kapitalismus wieder ein Freund des fleißigen Arbeiters und der Präsident wieder Herr über Leben und Tod ist, ein Mann, vor dem die Welt Angst hat. "Ich werde militärisch so gut sein, euch wird schwindlig werden." Auch der Einzelne ist wieder ein Souverän seiner selbst. Kein Moralapostel schreibt ihm vor, wie viele Steaks er essen und wie viele Waffen er tragen darf. Demokraten reden immer von Bildung, bei Trump kann jeder so bleiben, wie er ist. "Du bist okay. I love you."

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 41 vom 29.9.2016.

Um einen neuen Mythos zu schaffen, muss man alte Diskurse ändern, man muss Ideale schleifen und den Kampf um die Köpfe gewinnen. Erst vor diesem Hintergrund versteht man, warum der Immobilienhändler Trump die Sprache behandelt wie einen verrotteten Altbau. Mit einem Fußtritt befördert er die Altmieter auf die Straße und baut alles von innen um, allein die Fassade bleibt noch stehen. Nach dieser semantischen Sanierung bedeuten die Wörter nicht mehr das, was sie bedeuten; sie bedeuten etwas anderes, mal dieses und mal jenes – und manchmal gar nichts. Trump sagt Demokratie und äußert sich verächtlich über die Verfassung. Er sagt Menschenwürde und verspricht: "Wir werden Abschiebungen auf eine menschenwürdige Weise durchführen." Zwischendurch spekuliert er mit Wörtern wie mit Aktien und investiert in Zweifel und Verdacht. "Der Begriff Klimawandel wurde durch und für die Chinesen erfunden", damit Amerika "nicht mehr wettbewerbsfähig ist". Oder: "Unser Präsident kam aus dem Nichts. Die Menschen, die mit ihm zur Schule gingen, haben ihn niemals gesehen. Sie wissen überhaupt nicht, wer er ist. Es ist verrückt."

Bislang traute sich die Öffentlichkeit zu, zwischen Wahrheit und Lüge zu unterscheiden, der Faktencheck führte zuverlässig zurück auf den Boden der Tatsachen. Für Trump ist das ein sinnloses Unterfangen. In seinem Weltbild gibt es keine Realität, es gibt nur reality, und in dieser reality sind Fakten weder wahr noch falsch. Erst dann, wenn sie der eigenen Sache dienen, darf man sie benutzen. "Glaubt diesen gefälschten Zahlen nicht. Die Arbeitslosenquote liegt nicht bei 4,9 Prozent. Ich habe kürzlich gehört, sie liegt bei 42 Prozent." Nur Verlierer, so klingt es, klammern sich an Fakten, denn Fakten sind die Krücken, auf denen sie durchs Leben humpeln. Trump aber ist ein Sieger. Sieger brauchen keine Fakten, sie schaffen sich ihre Fakten selbst. Wahr ist allein das Faktum der Macht, denn allein die Macht fühlt sich echt an. Das Volk spürt es, und wer das Begehren des Volkes weckt, hat die Wahrheit auf seiner Seite. "Ich bin auf einer Menge Titelbilder. Häufiger als jedes Supermodel."