Über diesen Ort kann man nichts wissen. Man kann ihn nur erfahren. Und wenn einer den Wind nicht ertragen kann, der zur Stadt gehört wie der Algengeruch und der Schrei der Möwen, dann sollte er innehalten im logischen Denken und den Kunsttischlern zusehen, wie sie das eisenharte Wurzelholz aus der Thuja-Pinie bearbeiten. Dann würde er begreifen, dass die wesentlichen Dinge des Lebens nicht zu erzwingen sind. (Mohammed Sanoussi, marokkanischer Dichter)

Sie weiß noch genau, wie sie das erste Mal hierherkam. Wie sie aus dem Taxi stieg, das sie drei Stunden von Marrakesch durch das karge Inland gefahren hatte. Wie ihr, als sie die Autotür öffnete, der immerwährende Wind entgegenschlug, der Geruch nach Hafen und das Geschrei der Möwen. Vielleicht, sagt Ina, hat sie es schon damals gespürt. Vielleicht begann es schon da. Noch bevor sie durch die Medina ging, die Altstadt. Durch die zig kleinen Gassen voller Menschen, Farben und Gerüche, in denen die Häuser mit abgebröckelten Fassaden und kobaltblauen Türen so eng beieinanderstehen, dass man seinem Nachbarn durch das offene Fenster die Hand reichen könnte. Ein verwunschenes Labyrinth mit Torbögen und kurzen Tunneln, in dem man sich verlieren und verlaufen kann. Auch Ina hat sich in der Medina verloren und verlaufen. Dann traf sie ihn. Simo.

Zwei Jahre ist es her, dass Ina das erste Mal nach Essaouira kam. Eine Woche lang wollte sie in einem Malkurs lernen, wie sie ihre Technik verbessern kann, ihren Strich. In Essaouira, wo es genauso viele Galerien wie Cafés gibt. Hier, an der Küste Marokkos, wo sich die Künstler und Hippies ansiedelten, kurz nachdem oder kurz bevor Jimi Hendrix 1969 zum ersten Mal hier war. So genau weiß das keiner mehr.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 41 vom 29.9.2016.

Eigentlich wollte Ina nur eine kurze Auszeit. Von ihrem Job bei der Versicherung, der ihr die Miete zahlte, aber keine Zufriedenheit brachte. Von den immer gleichen Tagen, in denen die 39-Jährige von neun bis fünf zur Arbeit ging, malte, hin und wieder fernsah. Nein, ihr Leben war nicht schlecht, sagt Ina, während sie die frische Minze in die Teekanne drückt und dann mit kochend heißem Wasser übergießt. Sie hatte ja viel: eine schöne kleine Wohnung, Freunde, ihre Familie in der Nähe, ein Auskommen. Nur, es erfüllte sie nicht. Da war etwas. Ein Wunsch nach mehr. Eine Sehnsucht.

Es war Tag zwei von sieben, als sie Simo traf. Den jungen Mann, der in ihrem Hotel arbeitete und ihr den Weg zeigte, als sie sich in der Medina verlief. Ein Zufall. Später saßen sie auf Plastikstühlen, in einem der kleinen Cafés der Einheimischen, tranken Tee, aßen Linsensuppe. "So etwas passiert mir nicht", dachte sie noch, als sie gemeinsam Suppe löffelten. Und dann passierte es ihr doch. Ina verliebte sich. In Simo und Essaouira. In die Herzlichkeit seiner Bewohner und Simos Lächeln. In den Hafen, in dem die Fischer Tag für Tag ihren Fang feilbieten, und Simos Art, nicht immer alles so ernst zu nehmen, nicht immer alles zu planen. In den kilometerlangen Strand, auf dem weiter hinten die Kamele liegen und weiter vorne verschleierte Frauen neben Touristinnen im Bikini sitzen.

Ina, eine schmale Frau mit Brille und bestimmter Stimme, ist kein Mensch, der Dinge verklärt. Sie sagt Sätze wie: "Hätte ich Simo bei Kaufhof getroffen, wäre wahrscheinlich nichts aus uns geworden." Und: "Natürlich war ich mir erst nicht sicher, ob es wirklich um mich ging." Und doch haben dieser Mann und dieser Ort etwas mit ihr gemacht. "Es ist schwer zu beschreiben", sagt sie. Und dann. "Es war magisch."

Magisch. Das ist das Wort, das sie einem sagen, wenn man fragt, was diese Stadt so besonders macht. Man kann das kitschig finden. Aber egal, mit wem man spricht, mit Einwohnern oder Zugezogenen, sie alle nennen dieses Wort. Es liege an dem Wind, sagen die einen, der diese 85.000 Einwohner große Hafenstadt besonders mache. An dem Mythos von freedom, love and peace, den die Hippies und Hendrix brachten, meinen die anderen. Und an der Medina, dem Weltkulturerbe, sagen wieder andere. Vielleicht stimmt alles ein bisschen. Was es auch ist – diese Stadt bringt viele Menschen, die herkommen, dazu, sich zu verlieben. Vor allem die Frauen. Manche von ihnen verlieben sich in einen Mann, andere in diese Stadt. Alle in eine Vorstellung. Und einige von ihnen bleiben. Aber wie ist es, wenn die Vorstellung Realität wird? Wenn man in dem Ort, nach dem man sich sehnt, auch lebt?

Ina reichten sieben Tage in Essaouira. Dann war ihr klar: Ein anderes Leben ist möglich. Ein ursprünglicheres Leben, in dem sie nicht viel braucht, um glücklich zu sein. Ein Leben, in dem sie vielleicht ein kleines Café eröffnen könnte. Träume eben. Sie reiste immer wieder hin, 14-mal in einem Jahr, das letzte Mal für drei Monate. Dann kündigte sie ihren Job, heiratete Simo und flog am 28. Februar dieses Jahres mit 40 Kilo Gepäck, zwei Koffern, nach Essaouira.