Noch in der Nacht des Putsches in der Türkei ruft Muammer Akin in Stuttgart die Polizei an. Er bittet um Schutz für seine Schule. Er spürt: Sein Lebenswerk ist in Gefahr.

Auf einer Anhöhe oberhalb Bad Cannstatts thront der Neubau. Ein Tempel der Bildung, 26 Millionen Euro teuer, Raum für 800 Schüler, Grundschule, Realschule, Gymnasium, gedacht für Kinder aus Migrantenfamilien, weil zu viele von ihnen am staatlichen Schulsystem scheitern. Als das Gebäude im Januar 2013 eröffnet wurde, kamen Ministerpräsident Winfried Kretschmann, der damalige Stuttgarter Oberbürgermeister Wolfgang Schuster und dessen Amtskollege aus Istanbul, sie beglückwünschten Muammer Akin, den Sohn türkischer Gastarbeiter, für seinen Einsatz für Bildung und Integration.

Am letzten Ferientag sitzt Akin im Besprechungsraum seiner Schule und zählt Abmeldungen. 65 Eltern haben ihre Kinder seit dem Putschversuch von der Schule genommen. "Viele unter Tränen", erzählt Akin. Zu groß der Druck von den Verwandten: Wie kannst du dein Kind auf so eine Schule schicken! Zu groß die Angst, die Schule würde möglicherweise geschlossen werden oder müsste Insolvenz anmelden.

Bei der Einweihung flatterten noch die Fahnen mit den Namen aller Sponsoren der Schule im Wind. Nun muss Akin viele Schilder mit den Namen der Großspender vor den Klassenzimmern abschrauben. In einem Atemzug mit seiner Schule genannt zu werden, fürchten manche als geschäftsschädigend, ja gefährlich. Seit Wochen kursieren im Internet schwarze Listen, die an andere deutsche Zeiten erinnern. Bauunternehmer sind darauf zu finden, Ärzte, Restaurantbesitzer, Gemüsehändler. Boykottiert die Putschisten! Kauft nicht bei den Anhängern des Predigers!

Der Prediger heißt Fethullah Gülen, und die BiL-Schule in Stuttgart steht seinem weltweiten Netzwerk nahe. Gründer, Sponsoren, Träger sowie viele Eltern sind von den Gedanken des islamischen Gelehrten inspiriert. Bis vor Kurzem war die Bewegung außerhalb der Türkei kaum bekannt. Seitdem die türkische Regierung Gülen aber als den Drahtzieher des Juli-Putsches ausgemacht haben will und einen weltweiten Feldzug gegen seine Anhänger führt, ist das anders.

Was ist das für eine seltsame Gemeinschaft? Ohne die der Aufstieg der regierenden AKP in der Türkei undenkbar wäre und die jetzt zu ihren Todfeinden gehört. Die Millionen Anhänger hat und hierarchisch organisiert ist, doch weder eine offizielle Zentrale noch eine Mitgliederkartei kennt. Deren Anhänger für "Integration" und "Dialog" schwärmen, sich aber gleichzeitig nach außen abschotten. Und die es immer wieder schafft, nicht muslimische Professoren, Politiker und Religionsvertreter für Dialogforen und Bildungswettbewerbe einzuspannen. Bildungsministerin Johanna Wanka etwa oder die ehemalige Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth.

Endlich Muslime, die anpacken und nicht nur über Diskriminierung klagen: Machermigranten statt Jammertürken! So wird die Gemeinschaft von ihren deutschen Sympathisanten gepriesen. Alles nur Camouflage!, vermuten dagegen die Kritiker. Gülen sei ein heimlicher Islamisierer, seine Anhängerschaft in Wahrheit eine Sekte, die ihre Mitglieder in geheimen Betzirkeln und Wohngemeinschaften einer Gehirnwäsche unterziehe.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 41 vom 29.9.2016.

An einem zweifelt niemand: Die Gülen-Anhänger haben Einfluss, in der Türkei (bis zum Putsch), aber auch außerhalb des Landes. "Die Bewegung ist sehr groß, sehr stark und sehr reich", schreibt die US-Religionssoziologin Helen Rose Ebaugh, Autorin eines der ersten Bücher über die weltweiten Aktivitäten der Gülenisten. Das gilt vor allem für ihr wichtigstes Betätigungsfeld: die Bildung. "Baut Schulen statt Moscheen", fordert Gülen seine Anhänger auf. Entstanden ist eine der größten privaten Bildungsbewegungen der Welt, mit über 1.000 Schulen in mehr als 150 Ländern.

Dabei gehen die Gülen-Anhänger in jedem Land anders vor. Während sie auf dem Balkan, in Zentralasien oder Afrika mit englischsprachigen Schulen die Bildungselite des Landes ansprechen und in den USA das System der staatlich finanzierten Privatschulen nutzen, richten sich Einrichtungen in Deutschland hauptsächlich an türkischstämmige Eltern und Kinder. 25 Schulen gehören mittlerweile zu ihrem Netzwerk. Die meisten davon Gymnasien, allein in Baden-Württemberg gibt es ein halbes Dutzend Schulen. Dazu kommen Kindergärten, Fortbildungsinstitute, Schulwettbewerbe sowie bundesweit über 100 Nachhilfevereine.