Vor zwanzig Jahren regierte der deutsche Bundeskanzler – Helmut Kohl – noch von Bonn aus. Man zahlte mit D-Mark, und die deutsche Fußballnationalmannschaft wurde von Berti Vogts trainiert. Das ist lange her. Genauso lange dauert es, bis Flüchtlinge voll in den Arbeitsmarkt integriert sind. Zwanzig Jahre. Erst zwei Jahrzehnte nach ihrer Ankunft in Europa sind prozentual genauso viele Flüchtlinge erwerbstätig wie Einheimische. Das zeigen Zahlen der Industrieländer-Organisation OECD. Nach dieser Statistik ist die Vermittlung von Flüchtlingen in Arbeit ein extrem langer, mühevoller und kostspieliger Prozess.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 41 vom 29.9.2016.

So war es jedenfalls früher. Denn in diesen Zahlen spiegelt sich, wie Asylsuchende in den vergangenen Jahrzehnten in Europa zurechtkamen. Heute heißt es oft, man wolle die Fehler von damals nicht wiederholen. Die Integration könne besser funktionieren. Aber wo genau liegen die Fehler? Und wie kann man sie vermeiden? Eine neue Studie, die der ZEIT vorliegt, zeigt: Es ist unklar, welche Methode erfolgversprechend ist. Die Länder in Europa versuchen auf ganz verschiedene Weise, Menschen aus Syrien, Afghanistan oder Eritrea in die eigene Wirtschaft zu integrieren. Bisher hat aber kein Land einen mustergültigen Weg gefunden, um die Übergangszeit von 20 Jahren zu verkürzen. "Eine Patentlösung", lautet das ernüchternde Fazit der Studie, "ist nicht in Sicht."

Jedes Land experimentiert mit eigenen Regeln, doch überall fehlt das Geld

In Auftrag gegeben hat die Studie die Bertelsmann-Stiftung. Wissenschaftler des Europäischen Hochschulinstituts in Florenz haben darin die aktuelle Integrationspolitik in neun europäischen Ländern untersucht, darunter Deutschland, Großbritannien, Frankreich und Schweden. Eine der Erkenntnisse lautet: Viel bringt nicht unbedingt viel. Das zeigt das Beispiel der skandinavischen Länder.

Schweden und Dänemark schulen Flüchtlinge in aufwendigen Sprach- und Integrationskursen, die in der Regel zwei Jahre dauern. In Schweden werden auch noch die beruflichen Kompetenzen der Flüchtlinge ermittelt, sie bekommen branchenbezogene Schulungen, können Praktika in Betrieben absolvieren und an staatlich geförderten Beschäftigungsmaßnahmen teilnehmen. Alles in allem erscheinen die umfangreichen Programme geradezu vorbildlich. Nur waren sie bisher nicht besonders erfolgreich.

Nicht einmal jeder dritte Programmteilnehmer ist innerhalb von drei Jahren berufstätig – in Dänemark sind es 29 Prozent, in Schweden nur 26 Prozent. Damit ist die Erfolgsquote ähnlich bescheiden wie in Deutschland, wo nach drei Jahren ebenfalls nur etwa 30 Prozent der Flüchtlinge beschäftigt sind – obwohl die Programme hier bei Weitem nicht so aufwendig sind wie in Skandinavien. Deutlich schneller finden dagegen Asylsuchende in Großbritannien Jobs: Dort verdiente zwischen 2005 und 2009 fast die Hälfte aller Flüchtlinge schon nach weniger als zwei Jahren ihr eigenes Geld.

© Matthias Schütte für DIE ZEIT

"Offenbar fällt es in einem deregulierten Arbeitsmarkt wie in Großbritannien leichter, Flüchtlinge in Arbeit zu bringen, als in Schweden oder Dänemark, wo die Einstiegshürden höher liegen", vermutet Joscha Schwarzwälder, der bei der Bertelsmann-Stiftung die Untersuchung leitete. Allerdings würden auch andere Faktoren eine Rolle spielen: die allgemeine Wirtschaftslage, Bildungsunterschiede der Flüchtlinge und nicht zuletzt die Landessprache – Englisch dürfte mancher Migrant auch ohne langen Sprachkurs verstehen, Schwedisch eher nicht.