Am Anfang stand ein Aufschrei: Weil dem Welternährungsprogramm der UN im vergangenen Dezember das Geld ausging, mussten über Nacht die Lebensmittelgutscheine für syrische Bürgerkriegsflüchtlinge in den Nachbarländern reduziert werden. Dann kam die Erkenntnis: Wer will, dass die Not leidenden Menschen nicht nach Europa weiterziehen, sondern im Libanon und in Jordanien, in der Türkei, im Irak und in Ägypten bleiben, der muss ihnen dort ein menschenwürdiges Leben ermöglichen.

Das kostet Geld. Nach Schätzungen der UN müssen Regierungen, staatliche und nicht staatliche Organisationen dafür allein in diesem Jahr 5,78 Milliarden Dollar aufbringen. 4,54 Milliarden haben 70 Staaten im Februar auf einer Geberkonferenz in London zugesagt, bislang ist allerdings nur knapp die Hälfte davon auf den Konten der Hilfsorganisationen eingegangen.

Doch wie viel Geld braucht ein Flüchtling überhaupt durchschnittlich im Monat, damit er einigermaßen gut über die Runden kommt? Der Bedarf lässt sich schwer berechnen, es gibt dafür keine allgemeine Formel. Was ein Flüchtling im Alltag benötigt, hängt von seinen individuellen Lebensumständen ab, von der Gesundheit, der Zahl der Kinder, von Jobmöglichkeiten und Ausbildungskosten, vom Aufenthaltsort. 494.000 syrische Flüchtlinge werden in Lagern in Jordanien, im Libanon und in der Türkei versorgt. Die Kosten für sie sind ganz andere als für die 4,3 Millionen Geflüchteten, die dort in großen Städten, in Dörfern oder irgendwo auf dem Land leben.

Trotz dieser Schwierigkeiten erstellten die UN im Dezember 2015 einen Hilfsplan für syrische Flüchtlinge in den Zufluchtsstaaten des Mittleren Ostens und schätzten die Gesamtkosten für 2016 auf 5,78 Milliarden Dollar. "3RP Regional Refugee Resilience Plan" heißt dieses Finanzierungsprogramm. Das Kürzel 3RP steht für die drei Zufluchtsregionen Libanon, Jordanien sowie die Türkei samt Irak und Ägypten.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 41 vom 29.9.2016.

Sehr detailliert listet die Weltorganisation die etwaigen Kosten für Nahrungsmittel und Unterkünfte auf, für die Gesundheitsversorgung und die Bereitstellung von Trinkwasser. Für direkte finanzielle Unterstützung von Flüchtlingsfamilien und den Schulbesuch von etwa einer Million Kindern. Für Ausbildungsmaßnahmen und die Verbesserung der Infrastruktur. Aufgeführt wird sogar Geld zur Förderung der ansässigen Bevölkerung, denn Flüchtlinge sollen auf keinen Fall gegen Einheimische ausgespielt werden und Neid erzeugen.

2,1 Milliarden Dollar sind seit der Geberkonferenz im Februar geflossen. Das hat das UN-Büro für humanitäre Angelegenheiten (OCHA) gerade festgestellt. Es erstattet regelmäßig Bericht über die geleisteten Zahlungen an die diversen Hilfsorganisationen. 2,44 Milliarden Dollar, die zugesagt waren, fehlen also noch.

Wie viel Geld der syrischen Flüchtlingshilfe "3RP" zugesagt wurde – und wer das meiste davon bezahlt hat

Quelle: OCHA, Stand: Sept. 2016 © ZEIT-Grafik

Eine Finanzierungslücke in dieser Größenordnung bestätigt auch das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR). Es sollte 1,3 Milliarden Dollar vom 3RP-Programm erhalten, eingegangen sind bis dato 746 Millionen.

Die größten Zahler sind laut den OCHA- und UNHCR-Statistiken mit großem Abstand Deutschland, die Vereinigten Staaten, die EU, Großbritannien, Kanada, Norwegen, Frankreich, Japan und die Niederlande. Kriegsteilnehmer Russland hat dem UNHCR bisher gerade einmal 300.000 Dollar zukommen lassen. Das reiche Südkorea überwies eine halbe Million Dollar, fünfmal weniger als das kleine Island. Katar bedachte das 3RP-Programm lediglich mit zehn Millionen Dollar und Saudi-Arabien berappte gerade einmal fünf Millionen. Allerdings unterstützen beide Staaten auch etliche bilaterale Hilfsmaßnahmen, die in den Berichten nicht auftauchen.

Wer dem UNHCR bislang das meiste Geld gezahlt hat – und was von den zugesagten Beträgen noch fehlt

Quelle: UNHCR, Stand: Sept. 2016 © ZEIT-Grafik

Die unterschiedliche Zahlungsmoral führt zwangsläufig dazu, dass einige wichtige Aufgaben vernachlässigt werden müssen. Während zum Beispiel die Versorgung der Flüchtlinge mit Lebensmitteln inzwischen finanziell sichergestellt ist, fehlt Geld für Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen. Dafür hat die UN in ihrem 3RP-Programm für dieses Jahr 461 Millionen Dollar veranschlagt, angekommen waren laut dem Halbjahresbericht bis Ende Juni 30 Millionen. Weit hinterher hinkt auch die Finanzierung der medizinischen Versorgung. Fließt das versprochene Geld nicht bald, werden sich etliche Flüchtlinge in ihrer Not wieder auf den Weg nach Europa machen.