Wer auf den Lübecker Flughafen will, muss durch einen fensterlosen Container, in dem ein Mitarbeiter neben einem ausgeschalteten Körperscanner sitzt. Im ursprünglichen Terminal gleich nebenan gibt es noch ein verwaistes Restaurant, das früher Spaghetti bolognese und Wiener Schnitzel servierte. Im "Sweets and Goods" gab es einmal Zeitschriften und Snickers. Jetzt steht der Laden leer. Die Abflughalle ist mit Neonröhren nur spärlich beleuchtet. Es sieht aus wie in einem Endzeitfilm: Der Flughafen ist noch da, aber die Passagiere sind verschwunden.

Winfried Stöcker, Facharzt für Immunologie, 69, kurze, graue Haare, Bauchansatz und Brille mit Silberrand, ist seit etwas mehr als drei Monaten Besitzer dieses Flughafens. Mit aller Kraft stemmt er das haushohe Tor einer Halle auf, in der kleine private Segel- und Motorflugzeuge parken. "Das da", sagt seine Pressesprecherin und deutet auf eine King Air, ein zweimotoriges Flugzeug mit Platz für zehn Passagiere, "gehört übrigens German Pellets." Das Unternehmen war ein Produzent von Holzpellets, der Anfang des Jahres Insolvenz anmelden musste. "Vielleicht", sagt Stöcker spontan, "können wir das erwerben. Das ist bestimmt günstig zu haben." Die Pressesprecherin nickt. Sie wird sich kümmern.

Die Szene ist typisch für Winfried Stöcker. Er ist ein Mann, der gewohnt ist, zu bekommen, was er will. Bloß: Ist es eine gute Idee, wenn ein Facharzt für Immunologie beschließt, einen Flughafen zu kaufen?

Gemeinsam kommen die Regionalflughäfen auf rund 140 Millionen Euro Miese im Jahr

Exakt 14 Wochen bevor Winfried Stöcker am 13. Juni 2016 den Kaufvertrag für den Regionalflughafen Lübeck-Blankensee unterschreibt, gibt ein anderer Flughafen, der Regionalflughafen Dortmund, sein vorläufiges Ergebnis für 2015 bekannt: 17,9 Millionen Euro Verlust. Drei Wochen später meldet der Flughafen Kassel-Calden ein Defizit von voraussichtlich 6,1 Millionen Euro. Ende Juni freuen sich die Betreiber von Frankfurt-Hahn über die "sehr gute Entwicklung" – bei einem Defizit von 17,4 Millionen Euro. Die Welt der deutschen Regionalflughäfen ist eine, in der schlechte Zahlen zum Alltag gehören: 17 der 18 deutschen Kleinflughäfen haben 2014 ein Defizit erwirtschaftet. Gemeinsam kamen sie auf rund 140 Millionen Euro Miese. Für 2015 liegen noch nicht alle Zahlen vor, aber es wird wohl nicht viel besser aussehen.

Auch der Flughafen Lübeck-Blankensee hat im vergangenen Jahr laut Stöcker mehr als sieben Millionen Euro Verlust erwirtschaftet. Zu seinen besten Zeiten war er für die Stadt wichtig. Knapp 700.000 Passagiere wurden 2009 hier abgefertigt. 2015 waren es noch 125.000. Stöcker ist der dritte Investor binnen vier Jahren. Die letzten beiden – ein Deutschägypter und ein Chinese – verschwanden spurlos. Zwei Insolvenzen waren die Folge. In Lübeck, wo früher Urlauber nach Danzig und Mallorca fliegen konnten, starten heute nur noch private Sport- und Geschäftsflieger.

Stöcker stört das nicht. Er hat einen Plan. Um ihn zu verstehen, muss man wissen: Stöcker ist nicht nur Arzt, er ist auch Vorstandsvorsitzender der von ihm gegründeten Euroimmun AG mit mehr als 2100 Mitarbeitern und einem Umsatz von 205,8 Millionen Euro im Jahr 2015. Euroimmun betreibt ein eigenes Labor, entwickelt aber hauptsächlich Testverfahren und Mikroskope, mit denen andere medizinische Labore Antikörper im Blutserum ihrer Patienten und dadurch Allergien sowie Autoimmun- und Infektionskrankheiten nachweisen können. Das Unternehmen liegt südlich des Lübecker Stadtzentrums auf einem weitläufigen Gelände. Die Büros und Labore sind in roten Backsteingebäuden mit weißen Sprossenfenstern untergebracht. Es gibt einen Fußballplatz, einen Betriebskindergarten und eine Kantine. Stöcker trägt ein altes Tastenhandy bei sich. Wenn es klingelt, meldet er sich mit "Winfried".

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 41 vom 29.9.2016.

Gleich neben dem Firmengelände, hinter einem Stacheldrahtzaun, liegt Stöckers Errungenschaft: Der Flughafen, gut 280 Fußballfelder groß. Stöcker hat einen Hang zu Superlativen. Als er Ende der achtziger Jahre beim Bund Forschungsgelder und Zuschüsse für die Gründung seines Unternehmens beantragt, hängt er kurz vor der Abgabe der Anträge an die geplanten 500.000 D-Mark noch eine Null dran und bekommt tatsächlich fünf Millionen. So erzählt er es.

Für den Flughafen soll er zwei Millionen an die Stadt gezahlt haben. "Ich möchte das hier erhalten", sagt Stöcker und beschreibt mit dem ausgestreckten Arm die ganze Spannweite seines Flughafens. "Jemand musste den Flughafen retten, weil sich niemand mehr um ihn kümmern wollte." Dann lächelt er zufrieden und fügt hinzu: "Und ich möchte wissen, ob mein Plan funktioniert."