Während man sich in Kreisen der Union vor allem darüber empörte, dass für zwölf Millionen Heimatvertriebene der 8. Mai 1945 ganz bestimmt kein Tag der Befreiung gewesen sei, stieß sich Schmidt am meisten an dem Satz von den rollenden Deportationszügen. Akzeptiert hat er ihn bis zum Ende nicht.

Schmidt wies die Feststellung Weizsäckers zurück, die Deutschen hätten angesichts der zunehmenden Entrechtung und Ausgrenzung der Juden gar nicht "arglos bleiben" und auch die 1941 beginnenden Deportationen nicht übersehen können. Die Frage, zu welchem Zeitpunkt er was wusste und ob er den Tatsachen möglicherweise aus dem Weg gegangen war, hatte sich Schmidt allerdings nie wirklich gestellt. Nach dem Krieg hatte es für ihn wie für Millionen Deutsche andere Notwendigkeiten gegeben: ein Dach über dem Kopf zu finden, Kohle und Brot zu beschaffen, kraftvoll und schnell den Wiederaufbau voranzutreiben, die Chance des demokratischen Neuanfangs zu nutzen. Um all das leisten zu können, bedurfte es "einer gewissen Selbstimmunisierung", wie der Historiker Norbert Frei formulierte. Mit "ihrer reflexartigen Schuldabwehr" habe sich die Mehrheit der Aufbaugeneration zugleich "die Möglichkeit einer echten Trauer auch über das eigene Leid" verstellt.

Konfrontiert mit den Vorwürfen der 68er-Generation und gefragt, was er denn von den Verbrechen gewusst oder zumindest geahnt habe, entschied sich Schmidt für die Totalverweigerung: weder gewusst noch in ihren Ausmaßen geahnt. Je drängender die Fragen wurden, desto nachdrücklicher verwies er auf seinen jüdischen Großvater. Am Ende stand die einfachste aller Lösungen: Weil er einen jüdischen Großvater gehabt habe, habe er gar kein Nazi werden können.

Als seine Mutter ihm 1933 oder 1934 anvertraut habe, dass sein Großvater väterlicherseits jüdisch sei, habe sie ihm eingebläut: "Du darfst mit niemand darüber reden, auch nicht mit Vati." Deshalb sei er 1937, als er Soldat wurde, sehr erleichtert gewesen: Gott sei Dank, habe er sich gesagt, jetzt können sie dir nichts mehr tun. "Ich hatte Angst. Ich habe die Angst verdrängt. Mein Vater muss sehr viel Angst gehabt haben." Ich würde das nach wie vor nicht verstehen, sagte ich. "Wenn die Bedrohung so real ist, liegt es doch auf der Hand, sich dafür zu interessieren, was mit den Juden passiert ..." – "Das Gegenteil ist richtig", unterbrach mich Schmidt. Das sei in meinen Augen schwer zu begründen. "Es war aber so. Ich wollte das nicht wissen. Ich wollte gar nichts wissen. Ich hätte vielleicht die Chance gehabt, mich kundig zu machen."

Er sehe also für sich keinen Widerspruch darin, fasste ich nach, dass man, wenn man sich bedroht fühlt, nicht wissen will, wie die Bedrohung aussieht? "Im Gegenteil", wiederholte Schmidt, "wahrscheinlich hätte ich damit Argwohn erregt." – "Mal angenommen, Sie gehen 1942 in Berlin über den Kurfürstendamm und sehen Menschen mit Judenstern ..." – "Hab ich nicht gesehen. Sie sind mir nicht aufgefallen. Vielleicht gab es keine Judensterne mehr, vielleicht sind die Juden nicht auf dem Ku’damm spazieren gegangen." Die Deportationen hatten im Oktober 1941 begonnen und erstreckten sich über den gesamten Zeitraum, den Schmidt von August 1942 bis Juni 1943 in Berlin verbrachte. Seine Flak-Dienststelle lag in der Knesebeckstraße am oberen Ende des Kurfürstendamms.

1968 hatte Schmidt in einem Aufsatz über die Kriegsgeneration geschrieben, dass die Masse seiner Altersgenossen in der Wehrmacht "sehr stark isoliert" gewesen sei "vom alltäglichen normalen Leben". Erläuternd hatte er damals hinzugefügt: "Auch unsere Kenntnisse von den Schreckenstaten der NS-Herrschaft, den Vergasungen in den Konzentrationslagern zum Beispiel, blieben vereinzelt oder minimal und nebulös." Was hieß das: vereinzelte oder minimale und nebulöse Kenntnisse von den Vergasungen? Was wollte Schmidt 1968 damit andeuten? Hatte Weizsäcker vielleicht doch recht?

Auf jeden Fall bedeutete das, was Schmidt 1968 geschrieben hatte, etwas anderes als das, was dazu in den letzten 30 Jahren seines Lebens von ihm zu hören und zu lesen war. Seit Mitte der achtziger Jahre ging es für ihn nur noch darum, dem Verdacht entgegenzuwirken – auch dem eigenen Verdacht, den man gemeinhin das schlechte Gewissen nennt –, er könnte sich durch Wegsehen mitschuldig gemacht haben.

Helmut Schmidt hat seinen jüdischen Großvater nicht erfunden. Er hieß Ludwig Gumpel, war Bankkaufmann, später Teilhaber eines Bankgeschäfts in seiner Heimatstadt Bernburg und hatte 1887 im Alter von 27 Jahren eine nächtliche Affäre mit einer Hamburger "Buffetmamsell", die schwanger wurde. Die mit der werdenden Mutter befreundete Kollegin Catharina Schmidt und ihr Mann Gustav (Helmut Schmidts Nenngroßeltern) erklärten sich – vermutlich aufgrund finanzieller Zuwendungen des Herrn Gumpel – noch vor der Geburt des Kindes zur Adoption bereit. Der Name des Vaters wurde in der Geburtsurkunde nicht genannt, keiner aus der Familie Schmidt hat ihn nach Erledigung der Formalitäten je wieder gesehen. Ludwig Gumpel starb im Juli 1935 in Karlsbad eines natürlichen Todes. So weit die Fakten.

Schmidts zwei Jahre jüngerer Bruder Wolfgang konnte sich nicht vorstellen, dass die Mutter 1933 oder 1934 mit Helmut über den jüdischen Großvater gesprochen hat. Er war sich sicher, dass dessen Existenz erst nach dem Krieg bekannt wurde. Tatsächlich erkundigte sich Schmidt zum ersten Mal im März 1978 nach dem Vorfahren.

Seine Mutter habe ihm von dem jüdischen Großvater 1933 oder 1934 nur deshalb erzählt – so erklärte es Schmidt später immer wieder –, weil er unbedingt in die Hitlerjugend habe eintreten wollen, was seine Eltern strikt abgelehnt hätten. Eine objektive Notwendigkeit, den Sohn über die jüdische Herkunft des Vaters aufzuklären, bestand 1933/34 nicht; die Mutter hätte demnach ausschließlich aus pädagogischen Gründen ein striktes Familientabu gebrochen.