Die Schriftsteller Julian Barnes und Ian McEwan sind seit Jahrzehnten befreundet, sie prägen das Erscheinungsbild der modernen englischen Literatur. Aber sie haben noch nie ein gemeinsames Interview gegeben. Vor Kurzem hat McEwan den etwas älteren Kollegen nach Deutschland gelockt, was kein einfaches Unterfangen war, denn Barnes lebt seit dem Tod seiner Frau Pat Kavanagh sehr zurückgezogen. Nun sind sie aber hier, auf Schloss Elmau, zu Füßen des grandiosen Wetterstein-Massivs. Das Luxushotel, Schauplatz des letztjährigen G7-Gipfels, hatte sie beide zu Lesungen eingeladen, und gemeinsam reisten sie aus London an. Zum Gespräch mit der ZEIT sind sie auch bereit – sie sprechen über das Unglück der Kindheit und die Befreiung durch Kunst, über die Angst vor Schmerz und den Trost, der in sprachlicher Genauigkeit liegt. Barnes und McEwan sitzen in der Hotelbibliothek, ein Schachbrett zwischen sich, und während des Gesprächs, in dem übrigens viel gelacht wird, schieben sie immer wieder die eine oder andere Schachfigur in Richtung des Partners – als seien sie, jenseits der Literatur, noch in eine andere Partie miteinander verstrickt.

DIE ZEIT: Im Deutschen gibt es das Wort "Fremdschämen" – es bedeutet, dass man sich schämt für einen anderen. Ist die Gabe des Fremdschämens eine Bedingung, um Schriftsteller zu sein?

Julian Barnes: Ich würde es grundsätzlicher sagen. Für mich ist Schwäche interessanter als Stärke. Und Ohnmacht interessanter als Macht. Ich interessiere mich nicht sehr für Autoren, welche die männliche Kraft feiern. Deshalb schätze ich Hemingway, der, wie ich glaube, ein missverstandener Autor ist. Er hat das Image des bärtigen, raufenden Riesen. Aber sein wahres Motiv ist die Schwäche des Menschen: nicht sein Mut, sondern seine Feigheit.

Ian McEwan: Es gibt Momente, in denen Scham ein ganzes Universum aufreißt.

ZEIT: Sie beide haben unzählige literarische Figuren geschaffen. Kann man sagen, dass die in einem Winkel Ihres Bewusstseins noch existieren und eine Art Eigenleben führen?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 41 vom 29.9.2016.

Barnes: Ich glaube, die Art, in der sich Romanautoren an ihre Figuren erinnern, unterscheidet sich stark von der Art, wie die Leser es tun. Die Leser sehen sie eher wie wirkliche Lebewesen. Während wir Autoren uns an die blutigen Hände erinnern, die wir uns einhandelten, als wir sie zusammensetzten – beinahe so, wie sich ein Handwerker an die Wunden erinnert, die er sich beim Bau eines Stuhles zugezogen hat. Wir sind Puppenspieler; wir wissen, dass es Puppen sind ...

McEwan: Ein Autor, der ein altes Buch von sich wieder liest, erinnert sich vor allem an das, was er weggelassen hat, was er geplant und verworfen hat, an die Wege, die er dann doch nicht einschlug.

Barnes: Was lässt man weg? Dazu gibt es eine wunderbare Anekdote von Flaubert. Der hat sich einmal in einem Briefwechsel so geäußert: Ich weiß unendlich viel mehr über eine Geschichte als das, was ich im Text erwähne. Ich weiß genau, wie der Raum eingerichtet ist, in dem die Szene spielt, auch wenn ich nur einen einzigen Tisch schildere, der darin steht. Und dann spricht er von Homais, dem Apotheker aus Madame Bovary, und sagt: Homais’ Gesicht ist von feinen Pockennarben gezeichnet. Das habe ich zwar nicht im Buch erwähnt. Aber auch, wenn dieses Detail nicht drinsteht, so ist es doch von Belang. – Noch schöner wird die Anekdote durch den Umstand, dass Flaubert die Pockennarben von Homais im Buch doch erwähnt. Er hatte schlicht vergessen, dieses Detail wieder zu streichen.

ZEIT: Ian McEwan, ich erinnere mich, dass Sie einmal die deutsche Gegenwartsliteratur sehr kritisch beschrieben haben. Sie nannten sie staring-at-the-wall fiction. An-die-Wand-starr-Literatur. Was meinen Sie damit?

McEwan: Aaah ja. Ging es wirklich um die deutsche Literatur? Es kann auch die spanische gewesen sein ... (Lacht.)

ZEIT: Ich fürchte, es war die deutsche ...

McEwan: Nun, es gibt da so eine Form fader europäischer Literatur, die vom Schatten der Moderne verdüstert ist, ohne je an die Gipfel der Moderne – Proust oder Joyce – herangereicht zu haben. Sie wird von Protagonisten beherrscht, welche an keinem bestimmten Ort, ohne eine bestimmte Biografie, ohne spezifische Ziele und sogar ohne einen eigenen Namen vor sich hin leben und in Hotels einchecken, die keinen Namen haben, und dort auf einen Telefonanruf warten von jemandem, der auch keinen Namen hat. Diese Figuren verbringen sehr viel Lebenszeit damit, an die Wand zu starren. Deshalb der Begriff staring-at-the-wall novels.

ZEIT: Alles klar. Und welches wäre ein Gegenbeispiel zu dieser faden Variante der modernen Literatur?

McEwan: Die großen amerikanischen Schriftsteller. Sie haben alle Lektionen der Moderne gelernt; sie haben ihren Proust und ihren Joyce wirklich gelesen, und dennoch sind sie in der Lage, dem Leser zu beschreiben, wie es ist, sich an einem speziellen Tag in dieser speziellen Stadt, diesem Land zu befinden. Sie sind in gutem Sinn welthaltig. Diese Qualität fehlt einer ganzen Menge von zeitgenössischen ... hm ... portugiesischen Romanen.

Barnes: Jetzt hast du es dir mit einer ganzen Menge von portugiesischen Lesern verscherzt. Aber ich muss klar sagen: Ich selbst bewundere die portugiesische Romankunst. (Er spricht "portugiesisch" übertrieben deutlich aus.)

McEwan: Ja, das merkt man deinen Texten ganz klar an. (Die letzten Sätze waren unterbrochen von Gelächter.)

Roman von Ian McEwan - Lesetipp von Ijoma Mangold: "Honig"