Ich wollte noch eine rauchen, bevor ich die iranische Botschaft in Berlin betrat. Neben mir standen zwei Frauen, die wütend ihre Kopftücher aus den Taschen kramten.

"Meinst du, es gibt Probleme, wenn wir sie nur locker überwerfen?", fragte mich eine von ihnen. "Wenn ihr nicht noch mal herkommen wollt, solltet ihr sie ganz über den Kopf ziehen", antwortete ich. Sie zogen sich die Tücher bis zur Stirn herunter.

Das war nicht mein erster Besuch in der Botschaft. Seit sechs Monaten versuchte ich, einen iranischen Pass zu bekommen. Es war zum Verzweifeln. Weil meine Geburtsurkunde fehlte, hätte diese jemand im Iran für mich beantragen müssen. Meine einzige Bezugsperson dort ist mein Vater. Er hatte vor einigen Monaten einen Schlaganfall erlitten, von dem er sich nur langsam erholte. Ihm wollte ich die Behördengänge nicht zumuten. Also beantragte ich bei der iranischen Botschaft in Berlin das erforderliche Papier. Kaum war ein halbes Jahr verstrichen, lag die Urkunde in meinem Briefkasten. "Jetzt wird alles gut", dachte ich.

Die meisten Iraner beantragen einen Pass, um in den Iran reisen zu können. Ich hatte allerdings gar nicht vor, in den Iran zu reisen. Der Wert des Passes ist für mich ein emotionaler: Er bedeutet ein Stück Identität. Ich lebe seit Jahren in Deutschland, doch dieses Land wird mir immer fremder. Ein Land in dem von "uns" und von "denen" gesprochen wird. Ein Land, das nicht "mein" Land ist, weil es mir nie das Gefühl gegeben hat, ein Teil von ihm zu sein. Deshalb war dieses kleine braune Heft, der iranische Pass, so wichtig für mich. So wertvoll.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 41 vom 29.9.2016.

Ich betrat die Botschaft und stellte mich in die Schlange für Passangelegenheiten. "Hallo, es geht um meinen Pass. Ich habe endlich meine Geburtsurkunde", sagte ich. Mein Tonfall sollte dem Beamten deutlich machen, dass ich genug vom Warten hatte. Ich schob meine Geburtsurkunde unter die gläserne Trennscheibe, er nahm das Papier, warf einen kurzen Blick darauf und schob dann zwei Formulare zurück. "Füll die aus, und bring sie mir wieder." – "Bekomme ich dann meinen Pass?" – "Füll sie aus, und bring sie mir wieder", antwortete er ungeduldig, während er den nächsten Wartenden zu sich winkte. Scheiße, dachte ich. Jetzt brauche ich jemanden, der mir beim Ausfüllen hilft. Ich kann Iranisch sprechen, aber nicht lesen und schreiben. Ich hatte mit sechs Jahren den Iran verlassen und dort nur die erste Klasse besucht.

Warum die iranische Botschaft für solche Fälle keine Formulare in deutscher Sprache bereithält, oder zumindest eine englische Version, ist mir ein Rätsel. Ich starrte auf die Schriftzeichen, genauso gut hätte mir der Mann hinter der Glasscheibe zwei Blätter mit Hieroglyphen geben können. In diesem Moment wurde mir zum ersten Mal bewusst, wie verloren ich im Iran wäre. Ein Analphabet.