Im Westen Englands, in der Grafschaft Shropshire, steht das Denkmal einer außergewöhnlichen Verspätung. 1779 wurde dort die Iron Bridge über den Severn-Fluss gespannt, als eine der ersten Eisenbrücken auf der Welt. Ihre Bauweise aus fast 2.000 verzierten gusseisernen Teilen war das Neueste, was Hightech damals zu bieten hatte.

An beiden Ufern des Severn begann damals die industrielle Revolution – eine Periode, die Historiker zwischen 1760 und 1830 ansiedeln und manchmal "Jahre der Wunder" nennen. Wer zu jener Zeit in Shropshire lebte, sah allerorten Erfindungen entstehen, Unternehmen wachsen und Träume blühen, laufend brachten die Betriebe Neues hervor, nach den Brückenteilen auch Eisenbahnschienen, Räder, Dampfmaschinenzylinder, Dampfloks und eiserne Schiffe. Man ahnte, dass die brandneue Brücke nicht einfach zwei Industriegebiete verband – sondern dass sie in eine neue Welt führen würde.

Ein Glück, dass es damals in Shropshire keine Ökonomen gab, die das Bruttosozialprodukt errechnen konnten!

Wirtschaftswissenschaftler, die wie heute das Wachstum der Wirtschaftsleistung messen, hätten Englands Neuerern nämlich ganz schön die Laune verdorben. Im ersten halben Jahrhundert der industriellen Revolution, in den "Jahren der Wunder", lag dieses Wachstum im Jahresdurchschnitt bei schlappen 0,4 Prozent, was man erst viel später durch Berechnungen des Wirtschaftshistorikers Nicholas Crafts von der London School of Economics herausfand. Erst nach 1840, also sechs Jahrzehnte nach dem Brückenbau, kam das Wachstum ins Rollen.

Historiker wissen seither: Große Erfindungen führen zu Wachstum und Wohlstand – aber es dauert ein paar Jahrzehnte lang, bis es so weit ist. So war es nicht nur bei den Maschinen der ersten industriellen Revolution, sondern auch später beim elektrischen Strom und beim Auto.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 41 vom 29.9.2016.

Doch heute, im Jahr 2016, steht diese Gewissheit der Historiker auf einmal infrage: Wird es bei der Computer- und Internetrevolution anders sein? Bleibt dieses Mal der große Wohlstandszuwachs aus?

2016 wartet die Welt auch 50 Jahre nach Beginn der Computer- und Internetrevolution auf deren Auswirkungen. Zwar entstehen seit Jahrzehnten bahnbrechende Neuerungen rund um die Computertechnologie. Auf erste brauchbare Computer in den 1950er Jahren folgten Mikrochips, 1969 kam der erste Vorläufer des Internets, in den 1980ern kamen Personalcomputer auf die heimischen Schreibtische. Seit den nuller Jahren gibt es Smartphones für jedermann, mit Internetzugang für unterwegs. Drohnen, selbstfahrende Autos, 3-D-Drucker und Roboter: Viele Menschen heute empfinden ihre Zeit als technische Wunderjahre.

Doch in den Statistiken, mit denen Ökonomen den Wohlstand messen, findet sich davon: nichts. Die Weltkonjunktur steht am Rand der Rezession, Europas Wirtschaftswachstum stagniert, in den USA erreicht es selbst im Boom keine drei Prozent.

Die ausbleibende Wachstumsexplosion des weltverändernden Internetzeitalters ist ein Paradox, und seine Entdeckung ist nicht mal mehr taufrisch. Der Ökonom und Nobelpreisträger Robert Solow formulierte schon 1987 pessimistisch: "Wir sehen das Computerzeitalter überall, außer in der Produktivitätsstatistik."

Die Produktivität, also das Wirtschaftsergebnis je menschliche Arbeitsstunde, nimmt in der computerisierten und vernetzten Welt seither mal etwas mehr und mal weniger zu – aber das Tempo dieses Wachstums ist geringer als in den Jahrzehnten zuvor und keinesfalls so, wie man sich das für eine "industrielle Revolution" vorstellt.

50 Jahre von einer Neuerung bis zum wirtschaftlichen Durchbruch. Worauf wartet man da eigentlich so lang? Eine Antwort lautet, dass eine Erfindung allein noch keine Revolution auslöst. Der Weg bis zum Erfolg ist ein sozialer und daher langwieriger Prozess. Die Geschichte der Eisenbahn ist dafür ein Beispiel: Sie war so neuartig, dass eine Reihe von Folgeerfindungen nötig wurde, um sie überhaupt praktikabel zu machen, Dinge wie Toilettenwagen und beschrankte Bahnübergänge zum Beispiel.