Der Kapitän kommt mit Bahn und Bus zur Haifischbar am Fischmarkt, bestellt einen schwarzen Kaffee und raucht erst mal in Ruhe. Jürgen Schwandt, 80, hat mehr als 150.000 Facebook-Fans, seine Biografie "Sturmwarnung" steht seit Wochen auf den Bestsellerlisten. In anderthalb Stunden wird er sich acht Zigaretten anzünden. Dass er sich kurz darauf aus der Öffentlichkeit zurückziehen wird, ist zum Zeitpunkt des Gesprächs noch unbekannt.

DIE ZEIT: Herr Kapitän, haben Sie heute schon ein Arschloch getroffen?

Jürgen Schwandt: Nein. Da waren zwei Nette in der Bahn. Die haben mich erkannt und sich gefreut. Das passiert jetzt immer öfter.

ZEIT: In Ihrer Biografie steht: "Arschlöcher gibt es überall." Heute mehr als früher?

Schwandt: Nö. Der Prozentsatz bleibt immer etwa gleich. Aber im Internet sind diese Leute besonders sichtbar. Bei Facebook treibt sich ein Haufen Idioten rum. Die Anonymität der Nutzer führt dazu, dass da ungehemmt gepöbelt und gehetzt wird.

ZEIT: Sie sind mit 80 Jahren zum Internetstar geworden. Wie kam es dazu?

Schwandt: Mein Verleger Stefan Kruecken hat vorgeschlagen, eine Facebook-Seite einzurichten.

ZEIT: Sie haben mehr als 150.00 Fans. Wie viel Zeit verbringen Sie auf Facebook?

Schwandt: Zwei, drei Stunden am Tag. Das ist abhängig von den Themen und den Zuschriften, die ich bekomme.

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 41 vom 29.9.2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

ZEIT: Haben Sie ein Smartphone?

Schwandt: Nee, nur ein iPad. Mensch, wenn ich das seh. Die sitzen alle in der Bahn, sind am Wischen, Knöpfe in den Ohren – die gucken nicht links, nicht rechts. Früher wünschte man sich in der Bahn guten Morgen, tauschte ein paar Worte über das Wetter aus. Das passiert heute nicht mehr. Die Kommunikationsfähigkeit geht zum Teufel.

ZEIT: Sie haben oft pointierte Meinungen. Waren Sie schon immer ein politischer Mensch?

Schwandt: Ich war 30 Jahre SPD-Mitglied, aber ich bin nach der Hartz-IV-Reform ausgetreten. Meine Meinung habe ich stets klar geäußert. Früher aber eher im Freundeskreis, da hatte ich ja noch kein Medium.

ZEIT: Sie sind zur Zeit des Zweiten Weltkriegs aufgewachsen. Wie sehr hat Sie das geprägt?

Schwandt: Sehr. Ab 1942 mussten wir jede Nacht dreimal in den Luftschutzkeller. Und nach dem Krieg gab es diese entsetzlich kalten Winter. Wir waren ausgebombt und hausten beengt bei meiner Großmutter in St. Georg. Mein Bruder und ich schliefen in der Besenkammer, ohne Heizung, schweinekalt. Rundum: Trümmer, Trümmer, Trümmer. Wo will man da was zu essen auftreiben?

ZEIT: Wie haben Sie das gemacht?

Schwandt: Ich bin Kohlen klauen gegangen, jeden Abend. Die habe ich an alte Leute verkauft, die körperlich nicht in der Lage waren, an den Bahndämmen auf die Kohlewaggons zu klettern. Dafür habe ich auf dem Schwarzmarkt am Hansaplatz Maisbrot gekauft. Eine Scheißzeit.

ZEIT: Es ging ums Überleben.

Schwandt: Ja. Ich habe mich dann einer Jugendgang angeschlossen. Mit Bolzenschneidern haben wir das Drahtgitter zum Freihafen aufgeschnitten, die Planen der Lkw aufgeschlitzt und alles geklaut, was nicht niet- und nagelfest war.