Lehre oder Studium, welches Fach passt zu mir? Viele Fragen – wie findet man die richtigen Antworten? Ein Gespräch mit der Entscheidungsforscherin Christin Schulze

DIE ZEIT: Warum ist es so schwer zu entscheiden, wie es nach dem Abi weitergehen soll?

Christin Schulze: Weil diese Entscheidung die Weichen für unseren weiteren Lebensweg stellt. Man will eine möglichst gute, zufriedenstellende Entscheidung treffen – und eine möglichst rationale. Das ist schwierig.

ZEIT: Warum genau?

Schulze: Bei einer rationalen Entscheidung wägen wir alle Pros und Contras ab und wählen dann die Alternative, von der wir uns den größten Nutzen versprechen. So weit die Entscheidungstheorie. Das Problem ist: Wenn ich vor der Entscheidung stehe "Was mache ich nach dem Abi?", kann ich wahrscheinlich gar nicht alle Konsequenzen genau abschätzen. Ich weiß, es ist sehr wichtig, ich weiß aber auch, dass ich nicht alle Informationen habe und nicht die Zeit, alle nötigen Infos zu sammeln.

ZEIT: Da kann man nervös werden.

Schulze: Genau. Es hilft aber, sich vor Augen zu halten, dass Menschen im Alltag ständig gute Entscheidungen treffen. Dafür haben wir nämlich viele Strategien – das Abwägen von Pro und Contra ist nur eine. Welche Methode am besten funktioniert, hängt von unserer jeweiligen Situation ab.

ZEIT: Was funktioniert bei Abiturienten?

Schulze: Wenn Abiturienten versuchen, alles abzuwägen, kann es passieren, dass sie gar keine Entscheidung treffen können. Einfach weil sie zu viele Informationen haben, über die sie dann zu lange nachdenken. In so einer Situation können einem ganz einfache Entscheidungsregeln helfen.

ZEIT: Zum Beispiel?

Schulze: Schauen Sie sich Ihr soziales Umfeld an. Eine Abiturientin weiß zum Beispiel nicht, ob sie ein soziales Jahr machen soll. Jetzt kann sie überlegen: "Wie viele Leute kenne ich, die so etwas gemacht haben?" Das ist ein guter Indikator für Häufigkeitsverteilungen. Ich brauche keine Statistik, sondern kann mir schnell einen Überblick verschaffen, indem ich mir meinen Bekanntenkreis anschaue.

ZEIT: Aber nur weil ich viele Leute kenne, die ein soziales Jahr gemacht haben, muss das ja nicht auch für mich gut sein.

Schulze: Da wir uns üblicherweise mit Menschen umgeben, die uns ähnlich sind, kann mir das aber einen Hinweis darauf geben, ob ein soziales Jahr auch mir gefallen oder nicht gefallen würde. Der zweite Schritt ist dann, Personen anzusprechen und nach ihrer Einschätzung zu fragen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 41 vom 29.9.2016.

ZEIT: Wie hilfreich ist das?

Schulze: Die Einschätzung von jemandem, der etwas schon erlebt hat oder bereits im Beruf steht, kann hilfreicher sein, als die Zukunft im eigenen Kopf zu simulieren. Wir sind nicht sehr gut darin, vorherzusagen, wie zufrieden wir in einer bestimmten Situation sein werden. Wenn jemand nicht weiß, ob er Medizin studieren soll, kann er sich zwar ausmalen, wie glücklich oder unglücklich es ihn machen würde, als Arzt jeden Tag Menschen zu helfen. Scheinbar Nebensächliches vergisst man dabei aber leicht, zum Beispiel wie kompetitiv die Kollegen sind. Da hilft die Einschätzung von anderen.

ZEIT: Und wenn sich die verschiedenen Erfahrungen oder Empfehlungen widersprechen?

Schulze: Aus der Forschung wissen wir, dass Entscheidungen, die in Gruppen getroffen werden, meist besser sind als die von Einzelpersonen. Diese Tatsache kann ich auch als Einzelner nutzen, indem ich selber mehrere Perspektiven bedenke.

ZEIT: Was kann ich praktisch tun?

Schulze: Sammeln Sie so viele Erfahrungen, wie Sie nur können. Machen Sie ein Praktikum, oder setzen Sie sich in eine Vorlesung aus dem Fach, das Sie besonders interessiert. Mit Erfahrungen lässt sich die Ungewissheit der Zukunft prima verringern.

ZEIT: Wie sehr sollte ich dabei auf mein Bauchgefühl hören?

Schulze: Bauchgefühl ist wichtig. Unsere Intuition entsteht ja nicht im luftleeren Raum, sondern basiert auf unseren Erfahrungen. Eine einfache Entscheidungsregel wäre hier, sich nur auf einen guten Grund zu verlassen. Ich horche in mich hinein, um herauszufinden, was mir am wichtigsten ist. Vielleicht, dass ich mein eigener Boss bin. Dann schaue ich, bei welcher der Auswahlmöglichkeiten das eintritt.

ZEIT: Kann man fühlen, wenn eine Entscheidung richtig war?

Schulze: Tja, vielleicht ist man erst einmal erleichtert, dass man überhaupt eine Entscheidung getroffen hat. Ob es die richtige war, stellt sich erst in der Zukunft heraus.

ZEIT: Ist Ihnen selbst die Berufsentscheidung nach dem Abitur schwer gefallen?

Schulze: Eigentlich wusste ich von Anfang an, dass ich mich für Psychologie entscheiden würde. Trotzdem habe ich erst ein Praktikum in Biologie gemacht. Am Ende ist es aber bei Psychologie geblieben.