Die Tochter von Bharti Dali ist noch keine zwei Wochen alt, und wie jede frisch gebackene Mutter klingt auch Dali erschöpft und überschwänglich zugleich. "Jetzt schläft sie, also kann ich mit Ihnen sprechen", sagt sie am Telefon. Dali telefoniert mit mir aus Anand. Die Stadt im westindischen Bundesstaat Gujarat ist bekannt als globale Hauptstadt des Leihmuttergeschäfts.

Dali ist 55 Jahre alt, ihr Ehemann ist 52. Sie stammen aus Alibaug, einer Küstenstadt bei Mumbai. Die Reichen und Berühmten der Metropole verbringen in Alibaug gerne das Wochenende. Vor knapp zwei Jahren starb Dalis 18-jährige Tochter bei einem Verkehrsunfall. Das Paar befasste sich daraufhin mit dem Thema Leihmutterschaft. "Vergangenen Sommer suchten wir dann die Klinik von Dr. Patel auf, und sie übernahm unseren Fall."

Geheimniskrämerei und Anonymität sind normal bei Leihmutterschaften. Nur selten geben die Eltern ihre Identität preis und treten an die Öffentlichkeit. Doch nachdem die indische Regierung im August einen Gesetzentwurf vorgestellt hatte, der ein Verbot kommerzieller Leihmuttergeschäfte vorsieht, wurde Dali aktiv. "Ich habe dank Leihmutterschaft ein Kind der Liebe bekommen", sagt sie. "Ist es nicht das, was sich jede Mutter wünscht?"

Ihre Leihmutter war eine 27-jährige Frau aus der Nähe von Anand, Mutter von zwei kleinen Töchtern. Wie für die meisten Leihmütter in der Region ist das Austragen eines fremden Kindes für sie ein Weg aus der Armut. Um über die Runden zu kommen, näht sie zu Hause mühsam von Hand Steine auf Stoffe. "Ich habe das für die Zukunft meiner Töchter getan", erzählt sie in einem Telefonat. Die gesamte Schwangerschaft hatte sie, wie vertraglich vereinbart, in einer speziellen Unterkunft verbracht. "Ich habe sehr gute Erfahrungen gemacht", erklärt sie. Das könnte stimmen oder eine einstudierte Floskel sein. Fest steht: Sobald sie das Kind abtritt, hat sie knapp 300.000 Rupien verdient, etwas über 4.000 Euro. Für indische Verhältnisse sehr viel Geld.

Die Akanksha Infertility Clinic in Anand wird von Nayana Patel geleitet, der Frau, die auch den Fall der Dalis übernommen hat. Sie ist Fruchtbarkeitsexpertin und Unternehmerin. Mit Patels erstem Fall im Jahr 2004 nahm das kommerzielle Geschäft mit Leihmüttern in Indien seinen Anfang. Damals ging es um eine in Großbritannien lebende Inderin, für die ihre eigene Mutter als Ersatz einsprang und Zwillinge zur Welt brachte. Bald standen die Paare Schlange bei Patel. Mittlerweile sind in der Klinik über 10.00 Leihmütter von Babys entbunden worden. Auftraggeber waren Einheimische, im Ausland lebende Inder oder ausländische Paare. "Babyfabrik", schimpfen die Kritiker.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 41 vom 29.9.2016.

Patels Geschäftsmodell wurde in allen großen Städten Indiens kopiert. Ihre Klinik stand auch im Mittelpunkt von zwei der spektakulären Fälle. Beim ersten ging es 2008 um "Baby Manji Yamada", das von einem japanischen Paar in Auftrag gegeben worden war. Doch dann trennte sich das Paar noch vor der Geburt, und die Japanerin weigerte sich, das Kind zu nehmen. Der zweite Fall war "Jan Balaz gegen die Republik Indien". Dabei ging es um Zwillinge eines deutschen Ehepaars, denen Deutschland die Staatsbürgerschaft verweigerte. Daraufhin musste das Ehepaar 2009 die indische Staatsbürgerschaft für die Kinder beantragen.

Patel spricht offen über ihre Arbeit. Sie sei wertvoll für die Paare, die sich ein Kind wünschten, wie auch für die Leihmütter, die das Geld brauchten, um ihr Leben zu verbessern. "Wir alle begrüßen eine Regulierung der Leihmutterschaft. Die Interessen der Leihmütter müssen gesichert sein", sagt sie. Aber wie viele andere lehnt sie ein generelles gesetzliches Verbot ab.

2012 schätzte der indische Handelsverband CII, dass die Leihmutterbranche in Indien jährlich etwa zwei Milliarden Dollar umsetze. Auf rund 3.000 beziffert die National Commission for Women die Zahl der indischen Kliniken, in denen Dienste rund um die Leihmutterschaft angeboten werden. Exakte Zahlen gibt es nicht. "Miete-einen-Bauch-Industrie" heißt die Branche in Indiens Boulevardpresse. Die internationale Nichtregierungsorganisation Families Through Surrogacy hat vor einigen Jahren errechnet, dass eine Leihmutterschaft in den USA im Durchschnitt circa 100.000 Dollar kostet – in Indien dagegen nur knapp die Hälfte. Das Land lockte außerdem mit dem völligen Fehlen von Auflagen, unzähligen Frauen, die bereit waren, als Leihmutter zu agieren, sowie einem Pool an hoch qualifizierten Medizinern, die Englisch sprechen.