Ein Mann steht auf seinem Hof und zeigt, was er hat: Unter der Abendsonne glänzt schwarz ein Maserati Granturismo Coupé, serienmäßig hat das Geschoss 405 PS und läuft 285 km/h Spitze. Doch dieses Exemplar hat noch ein Extra, verborgen im Unterbau – eine verbotene Racing-Auspuffanlage. Im Hintergrund des Maserati thront, drei Tonnen schwer, ein US-Geländewagenprotz vom Typ Hummer H2 in Senfgelb – ohne Dämmung im Auspuffrohr. Er wirft seinen Schatten auf einen roten Honda CRX, klein und aufgemotzt, kein Luftfilter, kein Schalldämpfer, die Reifen zugrunde gefahren, Profiltiefe 0,07 und 0,08 Millimeter. Es folgen ein Mercedes, ein BMW, ein Audi A8. Auch sie: illegal umgebaut.

Der Mann heißt Michael Schwenk, ist 38 Jahre alt und Dienstgruppenführer der Polizei Mannheim. Zuständig für die Verkehrsüberwachung. Seit 16 Jahren trägt er Uniform, seine Diplomarbeit hat er einst zu Unfallspuren auf der Fahrbahn verfasst. Alles, dachte er, habe er inzwischen gesehen. Doch seit Anfang August kommt täglich Neues hinzu. Denn Michael Schwenk hat eine neue Aufgabe: Er leitet ein sechs Mann starkes Team, das gerade bundesweit in den Schlagzeilen steht. Er und seine Kollegen machen Jagd auf Poser – jene Autofahrer, die ihre Gefährte so tunen, dass sie damit auf der Straße einen Showeffekt erzielen.

Seit Jahren hat Mannheim ein Problem mit Posern, 300 sollen es sein. Sie bauen ihre Wagen so um, dass sie überlauten Krach machen, fahren dann mit den illegal umgerüsteten Autos in die Innenstadt, treten an Ampeln das Gaspedal durch, böllern vorbei an Cafés, Wohnungen, Büros und wollen damit vor allem eines: auffallen. Die Mannheimer allerdings nervt das sehr, und viele fürchten auch um ihre Sicherheit. "Man muss sich nur mal vorstellen, ein Kind läuft da mit seiner Mutter über den Bürgersteig. Und plötzlich knallt so ein Auto von hinten heran. Das Kind erschrickt, läuft unvermittelt auf die Straße, und es passiert was", sagt Schwenk.

Er kramt aus einer Pappschachtel den Schlüssel für den Maserati, faltet sich hinters Steuer aus hellbraunem Leder und ruft: "Jetzt passen Sie mal auf!" Er macht den Motor an, tritt im Stand aufs Gas, erst tastend, dann voll drauf – ein ohrenbetäubender Lärm schallt über den Hof und in den Himmel, der Körper vibriert, die Luft erzittert. Es schmerzt im Ohr.

Wegen solcher Autos brechen Schwenk und sein Team seit einigen Wochen täglich auf und halten Ausschau nach unerlaubt laut lärmenden Wagen, die dann umgehend abgeschleppt werden. Es ist ein neuer Ansatz – und einer, der auch präventiv wirken soll. Denn immer wieder kommt es in Deutschlands Innenstädten zu riskanten illegalen Autorennen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 41 vom 29.9.2016.

Der Grat ist schmal zwischen Poser und Raser. Es sind meist junge Männer – Azubis, Studenten, Arbeiter, die Szene geht durch alle Schichten –, die in ihren tiefergelegten Karren durch Häuserschluchten dröhnen. Und wenn sie an Ampeln, Zebrastreifen, Parkplätzen auf einen anderen Halbstarken im gepimpten Auto treffen, heißt es Fenster runter, kurze Absprache, Vollgas geben und dann:

14. April 2015: Zwei Jungs liefern sich in Köln spontan eine Wettfahrt. Einer von ihnen verliert die Kontrolle über sein Fahrzeug. Eine 19-jährige Studentin auf ihrem Fahrrad stirbt.

7. Januar 2016: Ein zufälliges Treffen zweier Autos an einer Ampel in Ludwigshafen führt zu einem Rennen. Einer der Wagen überschlägt sich mehrfach, eine Beifahrerin kommt ums Leben.

1. Februar 2016: Ein Audi und ein Mercedes rasen über Berlins Ku’damm um die Wette. Der Audi rammt einen unbeteiligten Jeep, dessen Fahrer ist sofort tot. Der Prozess macht gerade Schlagzeilen.

19. Mai 2016: In Hagen begegnen sich, wohl zufällig, an einer Ampel zwei Männer am Steuer und verabreden ein Rennen. Einer der Fahrer gerät in den Gegenverkehr. Fünf Menschen werden schwer verletzt, ein sechsjähriger Junge schwebt lange in Lebensgefahr.

26. September 2016: Ein rasender Autofahrer verursacht mitten in Berlin einen schweren Unfall. Drei Menschen werden verletzt. Die schwarze Sport-Limousine war aufgrund überhöhter Geschwindigkeit im Stadtteil Schöneberg auf die Gegenfahrbahn geschleudert und knallte in einen Lastwagen.