Ivan Šprajc kletterte auf die höchste Pyramide. Er wählte die Nummer des Bonner Professors, mit dem er seit Jahren nicht nur zusammenarbeitet, sondern auch befreundet ist. Als dieser 8.900 Kilometer entfernt in Deutschland ans Telefon ging, brüllte er ihm entgegen: "Nikolai, ich glaub, ich hab sie gefunden! Willst du nicht kommen?" Das war am 22. April 2005.

Nikolai Grube stieg in den nächsten Flieger. Er überquerte den Atlantik, arbeitete sich in Mexiko über einen 120 Kilometer langen Urwaldweg durch Sumpfniederungen und über rutschige Felsen bis nah an die guatemaltekische Grenze heran. Dort traf er auf Šprajc. Sein Freund hatte sich wochenlang mit der Machete durch den südmexikanischen Regenwald gekämpft. Nun standen sie beide, der slowenische und der deutsche Archäologe, inmitten der Ruinen von Uxul, einer vor 1.200 Jahren untergegangenen Maya-Stadt.

Amerikanische Forscher hatten die Überreste schon 1934 geortet – aber die Koordinaten in der Eile ungenau mit dem Sextanten vermessen. Sie waren erschöpft, litten an Malaria, Wasser und Essen waren aufgebraucht. Spontan gaben sie diesem letzten auf ihrer Reise erkundeten Ort einen Namen aus der Maya-Sprache: Uxul, was übersetzt "am Ende" bedeutet. Dann verließen die beiden Amerikaner den unwirtlichen Ort, so schnell sie konnten. 71 Jahre sollte es dauern, bis die nächsten Wissenschaftler die versunkene Stadt wiederentdeckten.

Mit mexikanischen Kollegen legten Grube und sein Team von 2009 bis 2015 das Zentrum von Uxul frei. Sie stießen auf Pyramiden, Verwaltungsgebäude, Ballspielplätze. Mit 3-D-Lasern tasteten sie Bauwerke ab, die von Bäumen überwuchert sind. Und sie übersetzten die Hieroglyphen auf den 17 gefundenen Stelen. So konnten die Archäologen viele Fragen beantworten, die die Forschergemeinde jahrzehntelang beschäftigt hatten. Die Ruinen Uxuls erzählen nicht irgendein Kapitel der mesoamerikanischen Chroniken. Sie berichten vom Aufstieg und Untergang der Maya-Kultur.

Das Resultat dieser Arbeit wird nun als Teil einer großen Maya-Ausstellung präsentiert. Das Rätsel der Königsstädte nennt das Historische Museum der Pfalz in Speyer seine ambitionierte Maya-Show. Zu sehen sind Originalfunde aus Guatemala und Mexiko: Stelen, Wandgemälde, Skulpturen, Weihrauchgefäße und als kleine Höhepunkte viele Figurinen, die ausdrucksstark und teils in kühnem Comicstil das große künstlerische Geschick der Kreativen im Regenwald dokumentieren. Filme zeigen das digital rekonstruierte Leben der Stadt Uxul.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 41 vom 29.9.2016.

Die Debatten darüber, warum eine so mächtige Zivilisation in nur 150 Jahren, zwischen 750 und 900 nach Christus, einfach verschwinden konnte, währten lange. Die dichte Population in den Königreichen der Maya habe die Böden ausgelaugt, wurde vermutet. Erdbeben, Wirbelstürme oder Epidemien hätten die Bevölkerung ausgelöscht. Oder eine Invasion der Tolteken von Norden her. Pollenanalysen ergaben, dass in der Endphase der klassischen Maya-Zeit zahlreiche Dürren die Gegend heimgesucht hatten. Daraus schlossen Wissenschaftler, dass der Kollaps klimatische Ursachen hatte.

Uxul jedoch erzählt, wie viele andere Stätten auch, die in den letzten Jahren ausgegraben wurden, eine andere, detailliertere Geschichte. Zwar machten Dürren den Maya wohl zu schaffen. Skelettfunde verraten, dass die Kindersterblichkeit damals zunahm, die Menschen litten an Mangelerscheinungen. Doch Trockenheit allein kann eine so hochstehende Zivilisation, wie die Maya sie aufgebaut hatten, nicht zerstören.

Maya-Städte wie Palenque, Piedras Negras oder Yaxchilan nämlich, die allesamt früh verlassen wurden, lagen direkt an Wasserwegen. Ebenso Copán, eingebettet in ein fruchtbares Flusstal. Pollen aus Dos Pilas verraten, dass die Menschen schon wegzogen, als der Untergrund noch so ertragreich war wie frischer holländischer Nährboden. Es musste also andere Gründe geben, warum die Maya nach sechs Jahrhunderten Blütezeit das Feld räumten und Zehntausende Häuser, Tempel, Pyramiden, Befestigungen, Stelen und Skulpturen im Dschungel zurückließen.