Jahrelang hat Marc-Simon Lengowski recherchiert: Was passierte nach dem Krieg mit dem Vermögen der Nazis? Lengowskis Forschungen zeigen erstmals, wie die Stadt Hamburg noch Jahre nach Kriegsende den Opfern eine Entschädigung vorenthielt. Die entsprechenden Verfahren wurden teilweise von denselben Leuten geleitet, die für die Enteignungen verantwortlich gewesen waren.

DIE ZEIT: Herr Lengowski, im Mai 1945 lag Hamburg in Trümmern. Der Krieg war vorbei, die Briten hatten die Stadt übernommen, suchten nach Naziverbrechern und dem Vermögen der NSDAP. Was wurde aus dem Geld?

Marc-Simon Lengowski: Die Alliierten haben überall nach Bankkonten und Besitz der NSDAP gefahndet, in Hamburg und dem Rest des Landes. Soldaten und zivile Mitarbeiter sind zu Bürgermeistern gegangen und haben Auskunft über Immobilienbesitz verlangt, sie haben die Konten der NS-Organisationen sperren lassen. Wichtig ist: Die Alliierten wollten den Besitz der Nationalsozialisten nicht für sich. Sie wollten vor allem verhindern, dass Faschisten an das Geld kommen, um damit einen Partisanenkampf zu finanzieren oder rechtsradikale politische Arbeit.

ZEIT: War das Vermögen der NSDAP leicht zu finden?

Lengowski: Die Alliierten hatten sich gut vorbereitet: Bevor sie einmarschierten, hatten sie Listen von bekanntem Parteibesitz erstellt, teilweise auch mit Unterstützung von Exilanten, die sich auskannten. Zudem haben sie eigens ein Gesetz erlassen, um Partei- und Reichsvermögen beschlagnahmen und kontrollieren zu können. Allerdings war das Militär bald damit überfordert, all die eingezogene Habe zu verwalten. Deshalb kamen die Deutschen ins Spiel, die diese Aufgabe zumindest in Teilen übernehmen sollten.

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 41 vom 29.9.2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

ZEIT: Wer war dafür in Hamburg zuständig?

Lengowski: Im November 1947 wurde in Hamburg das Landesamt für Vermögenskontrolle gegründet. Die Bundesländer haben früh erkannt, dass es um gewaltige Beträge geht. Sie wollten unbedingt einen großen Teil davon haben. Grundsätzlich war es so, dass für das Erbe des Reiches die Oberfinanzdirektionen auf Bundesebene verantwortlich waren und die Länder wiederum für die Güter der NSDAP.

ZEIT: Um welche Summen ging es?

Lengowski: Der Besitz der NSDAP samt ihren Organisationen wurde allein in Hamburg nach Kriegsende auf 59 Millionen Reichsmark berechnet. Hinzu kamen 197 Grundstücke. Das Reich verfügte über 350 Grundstücke, dazu Unternehmensanteile im Umfang von nominell einer Milliarde Reichsmark.

ZEIT: Sind Sie bei Ihrer Recherche also einfach der Spur des Geldes gefolgt?

Lengowski: Beim Vermögen der NSDAP und des sogenannten "Dritten Reiches" geht es nicht um Millionenbeträge in großen Scheinen, um aufgeschichtete Geldbündel in Tresoren oder versteckte Goldbarren. Sondern um ein Vermögen, das weitgehend sichtbar in der Stadt war: Grundstücke in bester Lage, große und prächtige Gebäude oder Anteile an Unternehmen wie den Howaldtswerken, damals eine der größten deutschen Werften.

ZEIT: Um welche Gebäude handelte es sich zum Beispiel?

Lengowski: Das Pressehaus, in dem die ZEIT ihre Räume hat, und das heutige Gästehaus des Senats in der Schönen Aussicht gehörten dazu, zudem zahlreiche Grundstücke, auf denen beispielsweise nur eine Hütte der SA stand. Aber auch Baracken waren nach dem Krieg wertvoll, weil die Stadt stark zerstört war. Auch wenn Gebäude, etwa Polizeikasernen, stark beschädigt waren, stritten Hamburg und die Bundesbehörden noch erbittert um sie.