Hübsch hier, das mag sich so mancher Häftling gedacht haben, der in Celle zum Zuchthaus gebracht wurde. Die JVA Celle hat ein barockes Tor in Pastellgelb, mehr als 200 Jahre alt, ein Türmchen mit Uhr und eine Inschrift in Latein über dem Eingang, die das Haus "den Verbrechern, den Verblödeten und den zu bewachenden Rasenden" widmet.

Es ist ein wirklich herrliches Gefängnistor. Das Gefängnis ist dazu auch noch direkt neben dem Bahnhof, drängt sich als erster Stopp in Celle geradezu auf. Neben einem hübschen Eingang bietet die JVA einen etwas skurrilen Gefängnis-Shop, in dem man Möbel polstern lassen oder Vogelhäuschen und Holzkohlegrills kaufen kann, alles aus Verbrecherhand.

Das Gefängnis liefert auch gleich ein schönes Lehrstück über den Charakter der Celler: Angeblich sollen die Celler Bürger im 18. Jahrhundert vor die Wahl gestellt worden sein, ob sie lieber ein Gefängnis oder eine Universität in ihrer Stadt haben wollten. Die Celler Bürger entschieden sich für das Gefängnis, um die Unschuld ihrer Töchter zu schützen. Ob die Geschichte stimmt? Man weiß es nicht. Aber weil sie so gut zu Celle passt, lebt sie weiter. Was auch zur Stadt passt – und zu jedem Besuch gehören sollte: Torte. Nämlich Buchweizentorte, die schmeckt wunderbar sahnig und fruchtig und ist eine Spezialität aus der Gegend, die keine Experimente schätzt. Die beste gibt es im Café Müller.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 41 vom 29.9.2016.

Dann weiter, und zwar direkt ins Schloss: Hier ist vor langer Zeit die dänische Königin Caroline Mathilde von Hannover traurig durch die Gänge geschlurft, mit hängenden Schultern und leerem Blick. Oder zumindest mag man es sich so vorstellen. Die Königin war nach Celle verbannt worden, nachdem sie sich aus Langeweile und Einsamkeit mit dem königlichen Leibarzt eingelassen hatte. Ihren Liebhaber köpfte und vierteilte man. Sie wurde von ihren Kindern getrennt und in das Celler Schloss gebracht, wo sie ihre Tage damit zubrachte, zum nahe gelegenen französischen Garten zu spazieren – bis sie im Alter von 23 Jahren starb.

Sowieso ist man in Celle mächtig stolz auf all die Adligen, die mit den Herzögen von Celle verbunden sind. Die Könige von England und Dänemark ebenso wie die letzten deutschen Kaiser sind die Nachkommen von Familien, die einst hier gelebt haben – der Stammbaum im Treppenhaus ist eine farbenfrohe Illustration adliger Inzucht seit dem ausgehenden Mittelalter.

So royal eingestimmt, sollte man sich auf Caroline Mathildes Spuren in Richtung des französischen Gartens begeben, zum Institut für Bienenkunde. Hinter hohen Mauern wartet eine Heidelandschaft mit Sonnenblumen, Kornblumen, Klee, Mohn, Salbei, Raps und lila blühender Heide. Immer mittwochs kann man hier Heidehonig aus der eigenen Imkerei kaufen.

Und wenn man hier etwas verweilt und es Abend wird und der Himmel langsam von Blau in Orange übergeht, dann kann man sich vorstellen, wieso der Dichter Fritz Grasshoff Mauve zur Farbe Celles erklärt hat; jenes blasse Lila, das für Grasshoff das "Raunen verewigter Mätressen vor der verschlossenen Himmelspforte" war. Und das es so nur in Celle gebe.

Grasshoff, der einst Texte für Hans Albers geschrieben hat, war den Cellern natürlich immer etwas peinlich, weil es bei ihm so viel um Sex ging, um Ganoven und melancholische Seeleute. Grasshoff ist nach Kanada ausgewandert, weil er es nicht mehr ausgehalten hatte. Die Celler haben es ihm gedankt, indem sie eine Altstadtgasse nach ihm benannt haben, in der sich heute Teenager zum Rauchen treffen. Ein kleiner Ort der Freiheit, den man besuchen sollte, bevor man fährt; allein damit das Gefängnistor nicht allzu dominant in Erinnerung bleibt.