Read the English version of this article here

Schwarz auf Weiß gibt es sie jetzt: Belege dafür, mit welchem Aufwand Russland psychologische Kriegsführung gegen den Westen betreibt. Das ZDF-Magazin Frontal21 und die ZEIT erhielten Zugriff auf über 10.000 E-Mails, die aus dem "Informationsministerium" der prorussischen Separatisten in der Ostukraine stammen. Die Anführer der dortigen, international nicht anerkannten "Volksrepubliken" Donezk und Luhansk suchen den Anschluss an die russische Föderation. Bislang hat der russische Präsident stets bestritten, die Rebellen nähmen Weisungen aus Moskau entgegen. Doch das E-Mail-Leak aus dem Donezker Ministerium offenbart regelrechte Befehlsstrukturen zwischen russischen Beratern und den Rebellen.

Die E-Mails, deren Auswertung mehrere Monate dauerte, enthüllen die generalstabsmäßige Organisation und Systematik, mit der Moskau in der Ostukraine ein antiwestliches Feindbild verbreitet.

Der Schlachtplan

Im August 2015 verfassen zwei Autoren, einer mit dem Kürzel "Artem" und der andere mit dem mutmaßlichen Klarnamen Andrej Godnew, ein umfangreiches Papier. Es soll den neuen Machthabern in der Ostukraine als Handbuch dienen. Das Dokument trägt den Titel "Strategie der inneren Informationspolitik in der Luhansker Volksrepublik". (Hier das Strategiepapier in deutscher Übersetzung.) Als Entstehungsorte sind auf dem Deckblatt "Luhansk-Moskau" angegeben. Auf 41 Seiten legen die Autoren anhand vieler Beispiele dar, wie die Separatisten die Berichterstattung von Fernsehstationen, Zeitungsredaktionen und Radiostationen steuern sollen.

Die übergeordnete Erzählung, der sämtliche Berichterstattung folgen soll, benennt als Ursprung allen Übels die angeblich profaschistischen USA: "Nach dem Maidan ist die Macht in der Ukraine einer oligarchischen, proamerikanischen 'Junta' in die Hände gefallen – Mördern und Dieben, niederträchtigen, prinzipienlosen Menschen, die vor nichts zurückschrecken, um ihre Ziele zu erreichen. (...) In Wirklichkeit liegt die Macht in der Ukraine in den Händen der Amerikaner. Sie (...) kontrollieren die Lage über ihre Agenten, zu denen alle bedeutenden Politiker der Ukraine gehören, einschließlich des Präsidenten und des Premierministers." In den Medien der Ostukraine soll es daher so zugehen: "Experten analysieren im Fernsehen die Lage in der Ukraine, beurteilen das Poroschenko-Regime, ziehen Parallelen zu bekannten rechtsradikalen Regimen, darunter faschistischen und Marionetten-Diktaturen, die von den USA gesteuert werden."

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 41 vom 29.9.2016.

Welche Experten zurate gezogen werden können, steht am Ende des Dokuments. Auf einer dreiseitigen Liste sind E-Mail-Adressen und Telefonnummern von nationalistischen Politikern und Denkern in Moskau verzeichnet. Zu ihnen gehören der Neoimperialist Alexander Dugin (Originalzitat: "Der Liberalismus ist ein absolutes Übel"), der Vorsitzende des außenpolitischen Ausschusses des russischen Parlaments, Alexej Puschkow, sowie Sergej Glasjew, einer der maßgeblichen Berater Wladimir Putins während der Ukrainekrise.

Besondere Aufmerksamkeit widmen die Strategen der "inneren Informationspolitik" dem Meinungsklima in den sozialen Netzwerken. Penibel seien die wechselnden Stimmungen auf Facebook und seinem russischen Gegenstück VK sowie auf Twitter zu messen. Notfalls will man reagieren können: "Aus den Reihen der jungen Aktivisten wird eine Kommentargruppe für das Internet gegründet", heißt es in dem Strategiepapier.

Diese Gruppe solle unter anderem "operativ auf die aufkommenden Herausforderungen antworten und die nötige Information und das 'System der Argumentation' schnellstmöglich einstreuen". In Anbetracht ihrer zahlreichen Kommentare solle beim normalen Internetnutzer der Eindruck entstehen, "eine Mehrheit denke so". Es gelte außerdem, "Projekte" zu initiieren, die zeigen, "wie tolerant Moskau gegenüber Andersdenkenden ist. Wie viel behaglicher es sich im Einflussbereich von Moskau lebt."