Lesen Sie hier das türkische Original. Der Text ist für die deutsche Version redaktionell leicht bearbeitet worden.

Haben Sie noch keine Kameraphobie? Dann schauen Sie sich den Film Snowden an. Anschließend werden Sie unverzüglich die kleine Webcam an Ihrem Computer abkleben. Oliver Stone hat nachgerade einen Dokumentarfilm gedreht über die Macht, die Big Brother im 21. Jahrhundert erlangt hat, Auge und Ohr in Millionen Wohnungen und Arbeitsstätten weltweit zu stecken und sämtliche Kommunikation zu kontrollieren.

Der Film zeigt aber auch, wie ein einziges unkontrolliertes Rädchen dieser gigantischen Maschine, ein einziger Mensch, ein "Small Brother", den Motor stoppen kann. Er veranlasst uns zu fragen: Wer ist schuld? Die Regierung, die Handys und Internetkommunikation illegal ausspäht, oder der Regierungsmitarbeiter, der die Straftat enthüllt? Der Geheimdienst, der das Parlament belügt, oder der Geheimdienstmitarbeiter, der die Lüge offenbart?

In Demokratien dürfen Regierungen das Volk, das Parlament und die Presse nicht belügen. Schuldig macht sich auch, wer seine Lüge in Akten mit dem Stempel "streng geheim" steckt und zum "Staatsgeheimnis" erklärt. So erlebten wir es bei der Watergate-Affäre, den Pentagon Papers, die die Vietnam-Lügen offenbarten, in der Iran-Contra-Affäre, bei der die Bewaffnung der Opposition in Nicaragua herauskam. Und ich persönlich erlebte es bei meiner Berichterstattung über illegale Waffenlieferungen des türkischen Geheimdienstes nach Syrien. Stets wurden zunächst nicht die Regierungen beschuldigt, sondern diejenigen, die den Skandal dokumentierten. Doch die Geschichte bestrafte früher oder später die wahren Schuldigen und belohnte die Enthüller.

Da ich eine Straftat der Regierung enthüllt hatte, verglich mich der Sprecher des türkischen Staatspräsidenten mit Assange, Manning und Snowden und konstatierte: "Wir werden ebenjene Sanktionen verhängen, die die westliche Welt bei diesen Spionageprozessen anwendet." Mein Interesse an Oliver Stones Snowden -Film war also groß – und tatsächlich entdeckte ich viele Ähnlichkeiten zu meiner Geschichte. Gleich Snowden wurde auch ich der Spionage und der Aufdeckung von Staatsgeheimnissen bezichtigt. "Der wahre Schuldige bin nicht ich, sondern die Regierung, die die Straftat beging", verteidigte ich mich. Man beschuldigte mich, man machte mir den Prozess, und ich ging außer Landes. Und in jedem Interview begegnen mir dieselben Fragen wie ihm:

"Bereuen Sie?"

"Warum leben Sie im Ausland?"

"Werden Sie in Ihr Land zurückkehren?"

Wenn es in dem Film eine Rolle gibt, die auf mich passt, dann ist es aber, trotz dieser Ähnlichkeiten, nicht die Rolle des Enthüllers Snowdens, sondern die des Guardian-Reporters. Er war es, der über die schmutzigen Geheimnisse in den Geheimakten schrieb. Allerdings wurde er dafür weder verklagt, noch musste er ins Gefängnis, noch wurde auf ihn geschossen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 41 vom 29.9.2016.

Eines sollten die türkische Regierung und auch die "Geheimnisbewahrer" in anderen Ländern wie den USA wissen: Journalisten sind keine Staatsbediensteten, ihre Pflicht ist es nicht, dem Staat zu dienen, sondern die Leser zu informieren. Begeht der Staat eine Straftat, hat der Journalist nicht nur das Recht, die Öffentlichkeit darüber zu informieren, sondern die Pflicht.

"Wenn der Kongress davon weiß, weiß es auch der Gegner. Geheimhaltung ist Sicherheit, Sicherheit bedeutet Überlegenheit." Von dieser Geisteshaltung des Geheimdienstlers im Film sind bekanntlich viele Geheimdienste inspiriert. Doch wir sehen auch und haben es in der Wirklichkeit der Staaten schon oft gesehen, dass die angeblich zum Schutz von Geheimhaltung und Sicherheit aufgetischten "offiziellen Lügen" letztlich die Geheimhaltung und Sicherheit gefährden. Als ich aus dem Film kam, den ich ohne meine Frau, die nicht ausreisen darf, in einem Kino fern meines Landes sah, klangen mir Snowdens Worte im Ohr: "Ich hatte ein ruhiges Leben, meine Liebste, meine Familie, meine Zukunft. Dieses Leben habe ich verloren. Aber ich habe ein neues. Die eigentliche Freiheit, die ich gewonnen habe, ist: Ich muss mich nicht mehr darum sorgen, was morgen geschieht. Denn ich bin froh über das, was ich heute tue."

Als ich heimkam, löste ich das Klebeband von der Webcam, zwinkerte dem schwarzen Loch zu und ging zu Bett.

Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe