Stadtmarketing ist eine Disziplin, die die Besonderheiten eines Ortes herausstellen soll, damit möglichst viele Menschen diesen Ort besuchen oder gleich hinziehen. Dann, so das Kalkül, geben sie vor Ort auch ihr Geld aus, was der lokalen Wirtschaft nutzt. Stadtmarketing ist folglich eine Form von Werbung, und man sollte meinen, dass sie nur die besten Gründe aufzählt, die für eine Stadt sprechen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 41 vom 29.9.2016.

Das Gegenteil ist der Fall. Achten Sie mal drauf, verräterische Formulierungen finden Sie in vielen touristischen Werbeblättchen. Außerdem tauchen sie in praktisch jeder Diskussion auf, in der Menschen aus verschiedenen Regionen darüber sprechen, was sie an ihrem jeweiligen Wohnort mögen. Das kann ein Treffen mit alten Schul- oder Studienfreunden sein, die es nach der gemeinsamen Zeit in die verschiedensten Winkel der Republik verschlagen hat. Oder ein Besuch von ausländischen Gästen, die von Einheimischen über die Vorzüge der deutschen Städte aufgeklärt werden. Früher oder später sagt jemand: "Hamburg ist toll, man kommt schnell ans Meer." Oder: "Berlin ist klasse, es ist auch nicht weit bis zur Ostsee." Oder: "Ich liebe das südliche Flair in München, die Alpen sind nah, und bis nach Norditalien fährt man mit dem Auto nur ein paar Stunden." Vielleicht aber auch: "Von Freiburg aus bist du mit dem TGV ruck, zuck in Paris." Und so weiter.

Auch schon oft gehört, nicht wahr? Für jede Stadt spricht ein "Man ist schnell in"-Grund. Aber nur auf den ersten Blick. Denn es ist eigentlich ziemlich bescheuert, eine Stadt dafür zu loben, dass man von ihr schnell wegkommt an einen anderen Ort, der offensichtlich besser ist.

Soll heißen: Wer gern im nördlichen Italien wohnen möchte, darf als Bürger eines Mitgliedslandes der Europäischen Union jederzeit direkt dahin ziehen. Es soll dort wirklich ausgesprochen schön sein. Und man ist auch schnell in München.