Was für ein breiter Strom das ist, funkelnd in vielen Farben, tropisch von Marimbas grundiert, durchpulst von raschem großstädtischem Metrum, aus dem sich unablässig neue Bewegungen lösen, weite Bögen der Harmonik, Schatten im Bass, Klarinettenjuchzer, Lichtpunkte vom Vibrafon ... Als die Music for 18 Musicians in einem Plattengeschäft in Manhattan aufgedreht wurde, ein Jahr nach der Uraufführung 1977, "war der überfüllte Laden wie ausgewechselt", erinnert sich Verkäufer Robert Schwarz. Sonst liefen da Blondie, Donna Summer, The Clash. "Die Kunden hielten inne und neigten die Köpfe...Was war das?" Es war das Durchbruchswerk von Steve Reich, Music for 18 Musicians, bis heute taufrisch.

Der Komponist sieht nicht wirklich so aus, als sei seitdem viel Zeit vergangen und er fast 80 Jahre alt (am 3. Oktober ist es so weit). Natürlich hat er kein dunkles, üppiges Haupthaar mehr, sondern kurze graue Haare unter der Basecap, das Gesicht ist voller Fältchen. Viele davon sind Lachfältchen, der Mann verströmt auf unauffällige Weise lichte Heiterkeit. Er hat viel von dem Flirren, das New York damals hatte; das Amerikanisch seiner Geburtsstadt spricht er rau, leise und rasant bis zur Undeutlichkeit. Am 3. Oktober 1936 kam er hier zur Welt; die Mutter war Sängerin, der Vater ein Anwalt. "Er erzählte mir oft, wie Pferde noch Kutschen über den Broadway zogen. Es sah noch Gaslicht!"

Steve Reich wurde Jazzdrummer und Pianist, befasste sich mit Ludwig Wittgenstein und studierte Komposition. "Es gab zwei Möglichkeiten, Musik zu schreiben. Wie Boulez und Stockhausen oder wie Cage. Oder man wurde ausgelacht." In der Avantgarde um 1960 gab es kein Metrum und kein tonales Zentrum, das fehlte ihm und John Adams und Philip Glass, die nun alle als "Minimalisten" im Lexikon stehen. "Meine Generation", sagt er, "hat das Fenster zur Straße wieder aufgestoßen, das Arnold Schönberg geschlossen hatte." Reich fand seinen Weg via Tonband und Phasenverschiebung. It’s gonna rain, den Ruf eines Straßenpredigers, loopte und überlagerte er mit der Unerbittlichkeit der Pioniere, ins Instrumentale übersetzt hat er diese Technik 1967 mit Piano Phase.

Die irren Interferenzen brachten jüngst noch Kölner Konzertbesucher so in Rage, dass sie den Solisten zum Abbruch nötigten. Dabei kann man in diesem Stück auch Bach durchschimmern hören – "der größte Musiker, der je gelebt hat und absolut verwurzelt in der Musik um ihn herum. Seine Choräle waren Hymnen, die die Leute kannten, er hat sie nur gesetzt", sagt Reich. "Man kann das Fünfte Brandenburgische im Café hören oder die Partitur nehmen und feststellen: Der Mann ist ein Genie!"

Anfang der 1970er begann Reich Hebräisch zu lernen. "Ich wurde im Reformjudentum erzogen, nicht traditionell. Wie so viele in den Sechzigern hatte ich zu tun mit Yoga, Atemübungen, buddhistischer Meditation, I’m a high-metabolism New Yorker, es ist gut, wenn man sich so viel reinziehen kann. Aber mit 35 dachte ich, etwas fehlt mir." Er eignete sich die Religion seiner Eltern neu an und lernte beim Studium in einer New Yorker Synagoge seine zweite Frau kennen, Beryl Korot, eine Videokünstlerin. "Das hier", sagt er lächelnd und tippt an die Basecap, "ist kein Modegag, sondern ein religiöses Bekenntnis, meine Kippa."

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 41 vom 29.9.2016.

Zur Auseinandersetzung mit jüdischer Identität zählt auch sein berühmtestes Werk. Wäre er als Kind in Europa gewesen, zur Nazizeit, "as a jew I would have had to ride very different trains". Different Trains wurde 1988 für das Kronos Quartett geschrieben und seither sechsmal eingespielt. Es sind nicht nur vier Streicher, die man hört, sondern auch Zeitzeugen, Dampfloks und Sirenen im Zweiten Weltkrieg, davor und danach. Im Zentrum werden O-Töne von emigrierten Überlebenden des Holocaust – "into those cattle wagons" – in ein Geflecht daraus abgeleiteter Sprachmotive gesetzt. Die Streicherstruktur reagiert, sinnt den Silben nach, realisiert in ihrer Motorik die Fahrt.