Leben Optimisten länger? Oder doch Pessimisten? Eine Frage, die für Partydiskussionen taugt. Auch deshalb sorgte 2013 eine Studie für Aufsehen, die zu dem Ergebnis kam, dass ausgerechnet Pessimisten die Langlebigeren seien. Prompt meldeten zwei Forscher Zweifel an. Ihren Aufsatz jedoch wollte lange keine Fachzeitschrift veröffentlichen. Die ZEIT berichtete darüber (Nr. 6/15). Nun ist der Artikel der beiden Kritiker doch noch erschienen – nach dreieinhalb Jahren.

Die Geschichte zeigt, wie schwierig es sein kann, in der Wissenschaft mit einer Gegenmeinung Gehör zu finden – selbst wenn es um ein, nun ja, nicht gerade weltumstürzendes Thema geht wie die Lebenserwartung von Schwarzsehern.

Was war geschehen? Im Februar 2013 publiziert Frieder Lang zusammen mit Kollegen die Pessimisten-Studie im Fachjournal Psychology and Aging. Er ist Leiter des Instituts für Psychogerontologie an der Universität Erlangen-Nürnberg, seine Co-Autoren arbeiten am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung. Ein Autorenteam mit Renommee also. Seine Hypothese: Weil Pessimisten weniger zuversichtlich in die Zukunft blicken, geben sie mehr auf sich acht und leben daher gesünder und länger als Optimisten. Um das zu prüfen, greifen die Wissenschaftler auf Daten des Sozio-oekonomischen Panels (Soep) zurück. Darin geben die Teilnehmer unter anderem an, wie zufrieden sie mit ihrem Leben aktuell sind und wie zufrieden sie wohl in fünf Jahren sein werden. Anhand dieser Daten teilen die Forscher die Befragten in Optimisten und Pessimisten ein: In die erste Gruppe fallen diejenigen, die ihre zukünftige Zufriedenheit überschätzen, in die zweite diejenigen, die sie unterschätzen. Ein Abgleich mit den Sterbedaten der beiden Gruppen zeigt schließlich – die Pessimisten leben offenbar länger.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 41 vom 29.9.2016.

Die Brüder Björn und Sören Christensen lesen den Artikel kurz nach der Veröffentlichung und zweifeln am Ergebnis. Björn ist Statistiker an der Fachhochschule Kiel, Sören lehrt an der Kieler Uni Wahrscheinlichkeitstheorie. Sie meinen, dass Lang und seine Kollegen einen wichtigen Faktor nicht berücksichtigt haben: die Veränderung des selbst eingeschätzten Gesundheitszustandes. Wenn nämlich ein Teilnehmer in den fünf Jahren zwischen zwei Befragungen schwer erkranke, dann sinke wahrscheinlich sowohl seine Lebenszufriedenheit als auch seine Lebenserwartung. Und wenn die Zufriedenheit unter die erwartete Zufriedenheit sinke, dann werde der Teilnehmer in der Logik der Studie rückblickend zum Optimisten: Er hat ja seine Zufriedenheit fünf Jahre zuvor höher eingeschätzt, als sie dann tatsächlich ist. Außerdem sterbe er wahrscheinlich früher. Und umgekehrt. Als die Brüder diesen Faktor in die Analyse einbeziehen, finden sie tatsächlich keinen signifikanten Zusammenhang mehr zwischen Pessimismus (im Sinne der Studie) und Sterberisiko. Sie wollen die Kritik veröffentlichen.

Der Statistiker Walter Krämer von der Technischen Universität Dortmund findet die Argumentation plausibel: "Die Originalautoren haben einfach eine ganz wichtige erklärende Variable vergessen." Doch das Journal Psychology and Aging lehnt eine Veröffentlichung ab, mit "irritierenden" Argumenten, sagen die Christensens. Sie reichen ihre Arbeit bei der Zeitschrift für Gesundheitspsychologie ein. Die findet aber erst gar nicht genug Wissenschaftler, die den Artikel begutachten wollen: Keine Zeit, keine Expertise oder Befangenheit – so begründen die Forscher ihre Absagen. Eine Kennerin des Feldes vermutet einen weiteren Grund – die aufgeheizte Stimmung in der Psychologie nach diversen Forschungsskandalen: Der Sozialpsychologe Diederik Stapel hatte Daten frei erfunden; einige Ergebnisse aus wichtigen Studien hatten sich nicht bestätigen lassen. Noch schwieriger werde es, wenn die Autoren eines kritisierten Artikels renommiert und gut vernetzt seien: "Da will man nicht unbedingt ran."

Rangegangen ist jetzt das Journal of Individual Differences. "Das haben uns andere Wissenschaftler als kritikfreundlich empfohlen, als sie den Beitrag in der ZEIT gelesen hatten", sagt Björn Christensen. Die Zeitschrift suchte und fand Gutachter, die den Artikel mit einigen kritischen Nachfragen für gut befanden. Die Wissenschaftler besserten nach, und der Artikel erschien. Frieder Lang und seine Kollegen wurden zu einem Kommentar in derselben Ausgabe eingeladen. So, wie es sein sollte.

Jetzt endlich kann die Diskussion auch in der Wissenschaft stattfinden – und nicht nur auf der Party.