Die Geschichte eines gefährlichen Versäumnisses spitzt sich Ende Februar 2014 zu, als eine Frau mit Kopftuch ein Smartphone hochhält, darauf das Foto eines bärtigen jungen Mannes – er ist ihr Sohn. Zusammen mit anderen steht sie auf einem Parkplatz im Bremer Stadtteil Gröpelingen, es sind alles Familien, deren Söhne verschwunden sind. Hinter ihnen das Gebäude des Kultur- und Familienvereins (KuF), der Bremens radikalste Salafistenmoschee betreibt.

Die Eltern wissen, ihre Söhne waren hier oft. Sie ahnen, der Verein ist schuld, dass sie weg sind. Sie wollen mit jemandem sprechen, der ihnen erzählen kann, wo sie sind. Ihre Vermutung ist schrecklich: Die Jungs, ihre Jungs, sind in Syrien oder im Irak, im "Dschihad". Aber die Familien bekommen keine Antworten von den Leuten in dem schäbigen ehemaligen Kindergartengebäude, das als Vereinsheim und Moschee dient. Die Vereinsmitglieder behaupten, sie wüssten nicht, wo die jungen Männer seien, und sie hätten mit deren Verschwinden auch nichts zu tun.

Das ist nicht die Wahrheit. Jedenfalls nicht die ganze Wahrheit. Ohne den KuF, ohne die Radikalisierung, die dort betrieben wurde, wären Bilal S. und Ertugrul Y. vermutlich noch in Bremen. Und aus ihnen wären keine Terroristen geworden.

Ausreisen von Terrorwilligen aus Deutschland zum "Islamischen Staat" (IS) und zu anderen Dschihadistengruppen sind 2014 noch ein relativ neues Phänomen; mittlerweile nicht mehr. Heute gehen die Behörden von über 800 Fällen aus. Das bedeutet: Etwa zehn Prozent der gesamten salafistischen Szene Deutschlands haben sich ins Krisengebiet im Nahen Osten aufgemacht.

Trotzdem sind die Fälle Bilal S. und Ertugrul Y. besonders. Denn anhand der Ereignisse in Bremen lässt sich etwas zeigen, was über die Hansestadt hinausweist. Erstens: Oft reicht es, wenn wenige radikale Anführer beginnen, Gleichgesinnte um sich zu scharen. Und zweitens: Selbst wenn, wie in Bremen, die Sicherheitsbehörden fast alles mitbekommen, ist der Kipppunkt, an dem auf radikales Gerede plötzlich die Buchung eines Fluges in den Dschihad folgt, so schwer zu erkennen, dass die Verfassungsschützer und die Polizei oft zu spät kommen.

Der Anführer, der am Ende für die Ausreise von mindestens 15 Bremer Salafisten, unter ihnen Bilal S. und Ertugrul Y., verantwortlich ist, heißt Nabil A. Hohe Wangenknochen, Vollbart, Mandelaugen: Der schöne Afghane wird 1989 in Herat, Afghanistan, geboren. In den neunziger Jahren kommt er als Asylbewerber nach Deutschland, seit 2008 lebt er in Bremen, er ist ein einschlägig bekannter Islamist, und er ist einer, zu dem andere Männer aufschauen. Denn Nabil A. hat Charisma, hilft den jungen Extremisten, die hier verkehren, wenn sie Ärger haben. Das KuF ist ein Anlaufpunkt radikaler Salafisten. Aber Nabil A. ist ein besonderer Menschenfänger. Seine Fürsorglichkeit ist nicht selbstlos, er rekrutiert Anhänger. Nabil A. predigt nicht nur vom Kampf zwischen Muslimen und Andersgläubigen. Er will mehr.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 41 vom 29.9.2016.

Die Behörden halten Nabil A., nicht nur weil er regelmäßig Kampfsport betreibt, schon frühzeitig für gewalttätig. "Nach hiesiger Einschätzung gilt A. als sogenannter 'Mann der Tat', dem es nicht reicht, zu missionieren und nur zu reden", notiert ein Staatsschutzbeamter 2014 in einem Vermerk. Schon bevor er 2008 nach Bremen zog, sammelte Nabil A. einschlägige Vorstrafen: Körperverletzung, Erpressung und ein Verstoß gegen das Waffengesetz sind dabei. Anfang 2009 beschädigen Nabil A. und ein anderer Mann ein Fahrzeug des Verfassungsschutzes, das ihnen folgt. Als der KuF ein halbes Jahr später ein internationales Islamistentreffen veranstaltet, rückt die Polizei an. Während der Razzia attackiert Nabil A. die Beamten. Zudem plant er mit Freunden, islamfeindliche Demonstrationen anzugreifen. Die Männer fahren dafür im Mai 2012 bis nach Köln. Dort veranstaltet die rechtsradikale Organisation Pro NRW eine Demonstration mit dem Motto "Freiheit statt Islam", zeigt Mohammed-Karikaturen. Um Ausschreitungen zu verhindern, verbieten die Behörden 100 Islamisten das Betreten des Stadtgebietes, darunter Nabil A. und seinen Freunden.