Liebe Katja,

jetzt kennen wir uns tatsächlich schon zehn Jahre! Unglaublich. Damals habe ich zum ersten Mal ein Übersetzerseminar bei Dir besucht. Ich war schwer beeindruckt von Deiner Art, über Literatur zu sprechen. Wie Du Dich in einen Text versenkt hast, kurzzeitig nichts mehr um Dich herum wahrnahmst und dann wieder daraus auftauchtest und uns mit drei präzisen Sätzen erklärtest, was genau in diesem Text passiert – sprachlich, stilistisch –, das war faszinierend.

Ein Satz von Dir bei diesem Seminar hat sich mir eingebrannt. Ich weiß den Kontext nicht mehr, ich weiß nur, in welchen Kontext in meiner Autorinnenseele er plumpste. Ich war damals überzeugt, keine Autorin zu sein, ich war Übersetzerin mit Leib und Seele, und ich hatte es auch nie wirklich versucht – zu sicher war ich, dass ich sowieso nicht die Fantasie habe, mir eine Geschichte auszudenken. Das war das eine.

Das andere war, dass ich es als Übersetzerin so sehr gewohnt war, Ton und Stil eines fremdsprachigen Autors in meiner Sprache nachzubilden, dass ich dachte: Ich weiß ja gar nicht, wie meine eigene Autorenstimme klingt. Vermutlich habe ich gar keine. Gleichzeitig begann ich aber doch mit dem Gedanken zu liebäugeln, es zu versuchen. Jedenfalls sagtest Du also: Der Inhalt sucht sich die Flasche aus, in die er gefüllt werden möchte. Eine Geschichte, meintest Du, verlange nach einer bestimmten Form, in der sie erzählt werden will.

Inzwischen bin ich nicht mehr ausschließlich Übersetzerin, sondern auch Autorin. Gerade fange ich mit der Arbeit am zweiten Roman an. Beim ersten habe ich keine Sekunde über meine Autorenstimme nachgedacht: Es war vollkommen klar, wie Der Pfau klingen muss, die Geschichte wollte das so, anders wäre es gar nicht gegangen. Auch beim zweiten Roman ist der Sound offensichtlich, er liegt auf der Hand, er ist geradezu zwingend. Und ganz anders als beim Pfau.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 41 vom 29.9.2016.

Ich habe immer noch Angst, dass mir nichts einfällt. Diese Angst bekämpfe ich mit Thomas Mann: "Fantasie haben heißt nicht, sich etwas auszudenken, es heißt, sich aus den Dingen etwas zu machen." Das klappt noch nicht so gut, diese Angst wird mich wohl noch eine Weile begleiten. Aber die Angst, nicht zu wissen, wie meine eigene Autorenstimme klingt, die hast Du mir genommen. Und dafür danke ich Dir. Sehr.

Deine Isa