DIE ZEIT: Herr Gehrcke, was ist so toll daran, seine Meinung nicht zu ändern?

Wolfgang Gehrcke: Gar nichts. Ich liebe die Geschichte von Bertolt Brecht, in der Herr Keuner hört, dass er sich nicht verändert hat. Er wird bleich, weil das für ihn kein Kompliment ist.

ZEIT: Aber Sie sind stolz darauf, seit Jahrzehnten Kommunist zu sein, der einzige im Bundestag.

Gehrcke: Ich bin überzeugt, dass wir eine weltweite Umgestaltung der Eigentumsverhältnisse brauchen. Das Überleben der Gattung Mensch hängt davon ab, ob wir es hinbekommen, anders zu produzieren, zu verteilen und zu konsumieren.

ZEIT: Glauben Sie, dass der Kapitalismus durch eine Revolution überwunden wird – und dass Sie das noch erleben?

Gehrcke: Zweimal ja. Aber man darf sich die Revolution nicht so vorstellen, wie sie im Kommunistischen Manifest beschrieben wird, als Endkampf zwischen Klassen. In einigen Ländern ist ein Umsturz wahrscheinlich der einzige Ausweg aus einer Katastrophe. Aber für unsere Gesellschaft stelle ich mir den Weg zum Kommunismus anders vor, ohne Gewalt ...

ZEIT: ... aber mit einer Revolution?

Gehrcke: Ja, allerdings ohne Verstöße gegen das Grundgesetz. Das Grundgesetz erlaubt es, weite Teile der Wirtschaft in gemeinschaftliches Eigentum zu überführen. Wenn das geschähe, wären wir schon sehr nah an dem, was ich mir unter Kommunismus vorstelle. Der Kapitalismus ist am Ende. Er löst die Menschheitsprobleme nicht.

ZEIT: Seit es Kommunisten gibt, ist der Kapitalismus angeblich am Ende.

Gehrcke: Das stimmt, aber inzwischen haben sich die Probleme zugespitzt. Sechzig Millionen Menschen sind auf der Flucht.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 41 vom 29.9.2016.

ZEIT: Sie fliehen in den Kapitalismus.

Gehrcke: Ohne eine andere Wirtschafts- und Lebensweise wird es nicht möglich sein, ein gutes Zusammenleben mit ihnen zu organisieren.

ZEIT: Glauben Sie denn, dass so etwas wie eine Planwirtschaft funktionieren kann?

Gehrcke: Nicht im Sinne einer Staatswirtschaft. Aber ich bin überzeugt, dass Gesundheitsversorgung, Bildung und alle Fragen des ökologischen Gleichgewichts nicht dem Markt überlassen bleiben dürfen. Große Bereiche der Wirtschaft müssen gemeinschaftliches Eigentum verwandelt und darüber hinaus stark verändert werden.

ZEIT: Eine gemischte Wirtschaft also. Das ist kein kommunistischer Standpunkt.

Gehrcke: Aber ein richtiger. Eine kommunistische Gesellschaft wird durch viele einzelne Veränderungen entstehen. Schauen Sie doch, wie viele Menschen heutzutage ihren Besitz freiwillig teilen, vom Auto über Wohnungen bis zum Stromnetz.