DIE ZEIT: Frau Bundeskanzlerin, das Land kommt uns extrem gereizt vor, manchmal wirkt die Stimmung regelrecht vergiftet. Wie erleben Sie das?

Angela Merkel: Ich erlebe zweierlei: viele Bürger, die wissen wollen, warum wir unsere Politik machen, und für Argumente offen sind. Wo immer ich auftrete, begegne ich aber auch einer Minderheit von Menschen, die nicht zuhören, sondern, vorsichtig gesprochen, ausschließlich ihre eigene Meinung kundtun wollen. Das ist eben so. Es hält mich aber nicht davon ab, immer wieder zu versuchen, meine Politik zu erklären.

ZEIT: Aber Sie stellen auch fest, dass die Aggressionen im letzten Jahr dramatisch zugenommen haben?

Merkel: Ja, das ist unstrittig.

ZEIT: Die Aggressionen richten sich auch recht oft gegen Sie persönlich.

Merkel: Ja, klar – ich bin die Bundeskanzlerin, bei der am Ende alles zusammenkommt. Aber ich kenne das auch schon aus meiner Zeit als Umweltministerin in der Auseinandersetzung über die Kernenergie. Das halte ich gut aus.

ZEIT: Was heute geschieht, geht darüber doch weit hinaus!

Merkel: Wir sollten nicht immer glauben, dass heute alles ganz anders als früher sei. Allerdings sind die Auseinandersetzungen jetzt durch die sozialen Medien schärfer und auch umfassender, zumindest digital können sich viele daran beteiligen. Aber das ist eben auch Demokratie heutzutage.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 42 vom 6.10.2016.

ZEIT: Hat diese neue Gereiztheit nicht damit zu tun, dass tiefe Widersprüche in der Politik wahrgenommen werden, auch in Ihrer? Eine aktuelle Umfrage belegt, dass die Hälfte der Bürger denkt, Sie hätten Ihre Flüchtlingspolitik geändert. Die andere Hälfte denkt das Gegenteil. Haben Sie sie nun geändert oder nicht?

Merkel: Natürlich leben wir in einer anderen Zeit als im Spätsommer vergangenen Jahres, denn es wurden wichtige Maßnahmen in Gang gesetzt, auch von mir. Ich habe beispielsweise sehr früh darauf gesetzt, mit der Türkei zu sprechen, und schon im August 2015 darüber nachgedacht, wie wir das hinbekommen können. Politik ist immer auch Veränderung, in der Grundhaltung aber ist meine Politik konstant geblieben: Erstens gehen wir mit Menschen, die in Not sind, weil Krieg und Terrorismus hinter ihnen liegen, human um und helfen ihnen. Zweitens können wir nicht hinnehmen, dass illegale, also von Schleppern gesteuerte Migration Menschen in Lebensgefahr bringt oder den staatlichen Ordnungsanspruch schmälert. Drittens habe ich immer darauf geachtet, dass Europa auch in der Flüchtlingspolitik an dem Prinzip festhält, dass für unsere Bürger gemäß Schengen freier Personenverkehr herrscht. Neben der Europäischen Währungsunion und dem Binnenmarkt halte ich das für eine Grundfeste des europäischen Miteinanders. Das bringt uns dann automatisch zum Thema der europäischen Außengrenzen, die man sichern muss, und zu den Fluchtursachen, an denen wir arbeiten müssen. Und schließlich bin ich nach wie vor der Überzeugung, dass diejenigen, die Schutz bekommen, schneller integriert werden müssen. Diejenigen, die nicht schutzbedürftig sind, müssen zurückkehren, notfalls im Wege der Abschiebung.

ZEIT: ... das weiß man ja schon sehr, sehr lange ...

Merkel: Ich habe 2005 das Amt der Migrationsbeauftragten ins Kanzleramt geholt, weil damals klar war, dass die Aufgabe der Integration in den vergangenen Jahrzehnten nicht optimal gelöst wurde. Jetzt können wir zeigen, ob wir wirklich etwas gelernt haben. Theoretisch haben wir auch immer gewusst, dass diejenigen ohne dauerhaftes Bleiberecht schneller und konsequenter in ihre Heimat zurückgeführt werden müssen. Nur praktisch umgesetzt wurde das nicht gut.

ZEIT: Sind Sie inzwischen froh, dass die Balkanroute geschlossen wurde?

Merkel: Ich habe kürzlich in Wien wie schon viele Male zuvor gesagt, die Schließung der Balkanroute habe dazu beigetragen, dass in Deutschland weniger Flüchtlinge ankamen. Dass aber nachhaltig weniger Flüchtlinge nach Europa kommen, das hat vor allem das EU-Türkei-Abkommen ermöglicht. Wenn Sie mich also fragen, ob die Schließung der Balkanroute das Problem gelöst hat, sage ich klar Nein. Sie hat in den Wochen, bevor das EU-Türkei-Abkommen in Kraft trat, zwar dazu geführt, dass weniger Flüchtlinge in Deutschland ankamen – aber dafür 45.000 in Griechenland.

ZEIT: Noch mal: Ist die Schließung heute Teil Ihrer Flüchtlingspolitik, oder widerspricht sie ihr?

Merkel: Sie ist nicht von mir initiiert worden, sie hat stattgefunden und ist eine Tatsache.

ZEIT: Aber Sie haben sie kritisiert damals.

Merkel: Ja, das habe ich. Die Frage ist doch: Betrachte ich das Ganze von der deutsch-österreichischen Grenze aus, oder betrachte ich das Ganze aus der europäischen und aus einer über Europa hinausreichenden Perspektive? Diejenigen, die vor allem auf die deutsch-österreichische Grenze schauen, haben gefragt: Warum kann Frau Merkel nicht zur Kenntnis nehmen, dass weniger Flüchtlinge kommen? Ich habe das sehr wohl zur Kenntnis genommen und zugleich kritisiert, dass Griechenland nicht Teil dieses Beschlusses war und dass dort binnen weniger Wochen 45.000 Menschen gestrandet sind. Umgerechnet auf die deutsche Einwohnerzahl wären das 360.000 gewesen, also fast doppelt so viele, wie wir im schwierigsten Monat November hatten. Das zeigt: Nur das EU-Türkei-Abkommen bringt eine nachhaltige Lösung.